MARTIN DICKINGER


1959
geboren in Vorchdorf.

1976-1980
Fachschule für Holz- und Steinbildhauerei in Hallein.

1993
Talentförderungsprämie des Landes Oberösterreich.

1999
Staatsstipendium für bildende Kunst
und Anerkennungspreis Montafoner Kunstwettbewerb.

2000
Preisträger "Junge Kunst" Passau.

Lebt und arbeitet in Vorchdorf.
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Ausstellungen (Auswahl)


1990
Internationales Symposium "4+4", Beteiligung von Künstlern aus der Slowakei und Österreich. Schrattenberg, Scheifling, Stmk. (Katalog) Galerie M+, Bratislava

1991
"Wallner Dickinger", Schrattenberg, Stmk.(Katalog) Nove Zamky, Slowakei; Genius loci Zilina

1992 - 1993
Tankstellenprojekt "Treibstoff Supernormal", Madling, Lungau (Katalog)

1993
Stifterhausgalerie Linz (Katalog) "Art Attack" Schrattenberg, Stmk.
"neologische Synagoge", Trnava, Slowakei
"Große Synagoge", Pilsen, Tschechien
Galerie am Tanglberg, Vorchdorf

1994
Galerie der Stadt Gmünd, Kärnten
"Event in the East", Slowakei, Ukraine

1996
"Chronisch Akut", Österr. Kulturinstitut Bratislava
Andy Warhol Museum, Medcelaborze, Slowakei
"Halde Nr.5", Offenes Kulturhaus, Linz (Katalog)
Installation Music Unlimited, Alter Schlachthof, Wels

1997
"Papier Objekt Skulptur", Galerie Station 3, Wien
"Sichtvermerk", Galerie Laza Kostie, Sombor; Galerie Zlatno oko, Novisad, YU

1998
"Kentler international drawing center", Brooklyn N.Y.
"Objekt Linz", tmp. Kunsthalle, Steyr

1999
Galerie am Mölkersteig, Wien
Rosenbergmuseum Violin, Slowakei

2000
Galerie K 3 Altheim OÖ
Galerie "Europäisches Haus" Pilsen CZ
"Junge Kunst 2000" St. Anna Kapelle Passau
Warum Kunstraum Wels

2001
"Halde Nr.11" Kultursommer Lübbecke





Dickinger Bild




Dickinger Bild








MARTIN DICKINGER, OHNE TITEL


Bildhauerei ist Form ist Schwerkraft ist Gegenstand ist Umfeld. Oder sie ist Idee. Idee der Form, Definition der Schwerkraft, Behauptung von Gegenstand, Recherche im Umfeld. Zwischen Sinnlichkeit und Konzept liegt Leerraum, Feld der Auseinandersetzung, Grund der Reflexion. Der Mensch, der ein Bildhauer ist oder eine Bildhauerin, HerstellerIn von Gestalt und Zusammenhang im Raum, über den Raum hinaus, überlässt sein/ihr Tun dem Impetus, der Entscheidung, der Reflexion. Tritt Bildhauerei als physische auf, so ist sie stets vor das Problem gestellt, eine Materialwahl vornehmen zu sollen. In einer Zeit der blühenden Vielfalt, in der unserer Kunstausübung weder Normen noch Limits entgegenstehen (von jenen des Geldes einmal abgesehen), werden Künstlerhaltungen wieder interessant, wird das wieder interessant, was Harald Szeemann einmal nannte "when attitudes become form". Marktstrategisch ist Wiedererkennbarkeit gefordert, gemeint ist nicht die Wiedererkennbarkeit des Künstlerartikels an sich, sondern eine Haltung, die sich nicht zufriedengibt, die Fragen stellt.

Die Frage der Repetition, der Anhäufung, der Mehrfacherscheinung ist in der Arbeit von Martin Dickinger evident. Dickinger ist ein Duplizierer, einer, der Gesehenes, Vorgefundenes, Imaginiertes in einer immensen Menge herstellt, anhäuft, anreichert und somit eine Parallelwelt installiert, die der Realwelt so fremd nicht ist. Doch ist die Haltung der Anhäufung bei Dickinger mit einem Schuss Selbstironie gewürzt, ist zugleich Zitat einer Unmöglichkeit, Bleibendes hinzustellen: Ein Ding und kein anderes. Die Unmöglichkeit wird als Kritik am Konsumdenken empfunden, sie steigert sich in ein Extrem, das an seinem anderen Pol Leere, Entleerung, Stilllegung meint ("Stilllegung der Deponie", so ein Bonmot aus Tageszeitungen, jenem Grundmaterial für den Werkstoff des Bildhauers). Zeitung, zerkleinert als Werkstoff für Papiermaché, mit Kleister versetzt, drückt Gegenstände ab, drückt Gegenwart aus. Eine Logik, die materialimmanent und selbstbezüglich funktioniert. Scheinbar beiläufig, wenngleich obsessiv, arbeitet der Bildhauer an seinem Werk - ich habe ihn jedenfalls stets arbeitend angetroffen - so etwa bei den jährlich stattfindenden intermedialen Symposien von Heimo Wallner in der Schwarzenberg´schen Meierei Schrattenberg/Scheifling, wo er, zusammen mit Uli Vonbank-Schedler zum organisatorischen Kreis zählt. In Schrattenberg begegnete die Schreiberin, 1990 selbst Teilnehmerin an einem dieser international vernetzten Symposien, erstmals den Akkumulationen des Kollegen Dickinger. In dieser Periode war noch ein - Als ob - vorrangig, die Halde sah aus wie ein Alteisenplatz. Schon damals konstatierte ich die Schlichtheit, die trotz Hypertrophie dem Wesen des Werkes zugrundeliegt, gleichsam eine Kontradiktion. Es ist einzig das Material, das diese Anhäufung legitimiert, dessen Wiederverwertbarkeit und Verrottbarkeit: Papiermaché, ein Recyclingprodukt aus dem Abformungen, Nachformungen als graue Häute des Realen wiederentstehen, ihr zweite Existenz behaupten und den Hinweischarakter von Kunst belegen. Wie ein Spiel, das ernste Spiel des Kindes, das absurde Spiel des Theatermachers, erscheint unter diesem Aspekt die Herstellung der Stückwerke und Protagonisten, in ihrer Anzahl bis zum Sättigungsgrad vervielfacht oder eben: bis das Papier ausgeht. Der Eindruck von Martin Dickingers Installation 1994 in der Synagoge von Pilsen, Tschechien, bleibt gegenwärtig: seltsame, in die Höhe gereckte Füße samt Hosenbein und Schuh, Einzelbeine in Legion, ein passender Kommentar vor Ort. Oder eine Objektgruppe, thematisch um das "Podest" kreisend, eine Art Wucherung, Auswuchs oder Ausstülpung an weißen Podesten und damit schon wieder etwas, das im Tun selbst liegt. Der Objektemacher und die Frage nach dem Objekt --Gleichgewichtsuntersuchung von Sockel und Dazugeformtem, farbig ineinsgebracht, um als eines gesehen zu werden. Die Frage hat bei Martin Dickinger stets eine relevante Ursache, selbst wenn die Frage unbewusst wäre. Mittlerweile ist Farbe kein Thema, die Tönung der Objekte hängt vom Zeitungsmaterial ab oder auch von der Lagerung, später. Die Objektansammlung ist im Grau der Papiermasse verblieben, stets in Bereitschaft rezykliert zu werden, zu verschwinden, eine Auflösung oder gar Erlösung darin zu finden, die der wirkliche Gegenstand nicht oder zumindest selten hat.

Im Offenen Kulturhaus Linz ist das physische Gesamtwerk, die Akkumulation, nun zurückgeholt aus sämtlichen Depots und Dachböden, mit Transportern hierhergebracht und im Ausstellungsraum geschichtet zur "Halde Nr.5". Was ist Halde? Eine geglückte Kunst-Bezeichnung für bergähnliche Anhäufung mit Verweischarakter auf Deponien aller Art. Ein Depot also für Abformungen, organisiert und geschichtet in einem großen Ausstellungsraum im Offenen Kulturhaus Linz, die größte Halde des Künstlers bisher. Was tut Halde im Kunstraum? Ihr Verweischarakter tangiert zweierlei - einerseits das skulpturale Problem der Anhäufungsfrage von Kunst, der Materialfrage von Skulptur, der Abbildfunktion künstlerischer Verfahrensweisen, andererseits das inhaltliche Problem von Akkumulation, dem sich die zivilisierte Konsumgesellschaft zu stellen hat. Kunst von Dickinger macht als, bei aller Reduktion auf das Deiktische ihres Materials (gewonnen aus Tageszeitungen, was wiederum die konzeptuelle Komponente erhöht und Inhalte verdichtet), das Essentielle fest am wunden Punkt unserer Anhäufungseuphorie - und ich sage nicht, dass KünstlerInnen und Museumsleute davor gefeit wären. Sein Weggeworfenes, Dazugeworfenes aber behauptet Eigenleben, seine Haufen behaupten Struktur, die grauen Dinger behaupten Form. Zu Haufen getürmt hat das Werk Prozesscharakter intus, selbst im geschlossenen, überdachten Raum des Depots, oder wie hier, im Kunstraum. Es dokumentiert einmal mehr seine eigene Fragilität und Hinfälligkeit, den Horror vacui, der uns befällt angesichts dessen. Im Offenen Kulturhaus Linz ist eine Ecke gewählt worden, wo Konzentration und Dispersion gleichermaßen suggeriert werden, so als ginge der Haufen endlos weiter, in die anderen Räume hinein, über das Haus hinaus. So als würde, wenn man Material ablagert, dieses nach unten nachsickern, nachdrängen, der Schwerkraft gehorchend. Folgerichtig sind auch Stufen des Prozesses zu Errichtung der "Halde Nr.5" fotografisch dokumentiert worden. Eine Anhäufung hat auch immer mit dem Aspekt der Zeit zu tun. Angesichts der "Halde Nr.5" wird man sich fragen, wie denn die Arbeit von Martin Dickinger künftig weitergehen mag, ob er die Gelegenheit der Ausreizung aller Reize seiner Figuren in großen, mittleren und kleinen Halden wahrnimmt - Variantenreichtum bringt oft Wiederholung mit sich und Ästhetisierung - oder ob er, wenn alle Depots gefüllt sein werden mit dem Stückwerk seiner absurden Papiermachédinger weitere neue Depots anlegt bei Freunden und Freunden von Freunden - der Logik der Expansion gehorchend - oder aber, ob eines Tages, wenn die Hypertrophie des Physischen seiner grauen Abbildwelt ihm schlicht zu dominant wird, es ihm einfallen könnte, die hybride Halde nach und nach ins Freie zu verlagern, Tabula rasa zu machen, zum Urbrei zurückkehrend, dem grauen. Ansätze dazu sind schon vorhanden, wenn er, wie er sagt, Feuer oder Wasser verwendet, gleichsam aus der Notwendigkeit zur Reduktion oder zur eventhaften Geste. Bruno Gironcoli, dessen Retrospektive er in der Ausstellung im Museum Moderner Kunst in Wien vor einigen Jahren sah und bewunderte, vermochte dieses nicht aus einer, dem Werk(stoff) zugrundeliegenden Gigantomanie, andere Künstler, wie etwa Luginbühl legte es gerade darauf an, wenn er seine minutiös gebauten Großskulpturen eventhaft dem Feuer überließ oder Eberhard Eckerle, er schichtete tausende, vom Wasser geformte Hölzer im ausgetrockneten Flußbett, um menschliche Intervention und Organisation abermals dem Fluss zu überantworten, Zeiten zu definieren. Ein philosophisches Konzept läge darin, welches im Prozess die große, gelungene Geste der Abstraktion losbindet und das Ephemere und Hinfällige dagegenhält. Eine Quasihandlung, dem Werk von Martin Dickinger inhärent.

Gertrude Moser-Wagner





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MARTIN DICKINGER


Martin Dickinger ist ein Künstler, der in Vorchdorf lebt und arbeitet. Er ist ein Vorbild an Konsequenz und Durchhaltevermögen; ist seine Kunst ja nur schwer, wenn überhaupt vermarktbar. Die extrem wechselvolle Kunstentwicklung und der Wechsel der Kunstmarktmechanismen berühren ihn keineswegs, unbeirrt und überzeugt von der Wichtigkeit und Richtigkeit seines Tuns geht er seinen Weg. Seine Arbeit besteht darin, dass er reale Gegenstände mit Papiermaché abformt, in Serien herstellt und in Gruppen-Halden präsentiert.

Die Erweiterung der Wahrnehmung, die für den Betrachter durch die Verfremdung zwischen Original und Abbild entsteht, ist ein wichtiger Faktor in der Arbeit Dickingers. Die verschiedenen Materialien der Ausgangsprodukte, Blech von Radkappen eines Autos, Plastikspielzeug, Lederschuhe oder Stiefel, diverse Elemente der Konsumwelt werden in Serie zur einheitlichen Papiermachéform degradiert, auch in Farbe gleichgemacht.

Dickinger eignet sich die Gegenstände auf diese Art und Weise an. Er nimmt vorwiegend ästhetisch unbelastete Dinge und füllt damit ganze Räume bis unter die Decke. Die Objekte bekommen dadurch skulpturale Qualität, aus Material-Qualität wird eine künstlerische.

Eine Ansammlung von solchen Skulpturen gleicher Form und Gegenstände nimmt Raum ein. Das Einzelelement tritt dabei als individuelle Erscheinungsform hinter seine unendliche Fortsetzbarkeit zurück.

Die Künstlichkeit der Produktionsrealität wird hierbei deutlich gemacht. Bei der Betrachtung einer solchen Objektanhäufung gerät man nicht selten in einen Zustand hoher Gelöstheit. Parallelen zu Dickingers Arbeit findet man heute in der Kunst der Appropriation, d.h. Aneignung, ein neuer Begriff, der altes Denken ersetzen soll, wobei solche modischen Sprachtrümmer eine postmoderne Argumentation simulieren. Im Grunde meint man damit nichts anderes als das Zitieren, was seit Duchamp das ganze zwanzigste Jahrhundert in Gebrauch gewesen ist.

Im optischen Vergnügen und im Wohlgefallen an Gegenständen der Konsumgesellschaft und ihrer Übertragung auf die Kunst liegt der Beitrag Dickingers zur Ästhetik unserer Zeit. Durch seine Übertragung in ein anderes Material nimmt er den ursprünglichen Dingen auch ihren Gebrauchswert. Ein Handy kann also nun nichts mehr anrichten.

Es soll gewiss nicht tiefere Bedeutung vorgetäuscht oder das Scheinhafte gegen das Original ausgespielt werden. Allein der weitgehende Rückzug des Künstlers aus dem kreativen Akt, sein Wunsch, nichts an seine Person zu koppeln, findet durch seine Arbeit seine Begründung. Eine neue Ästhetisierung von Gegenständen des Alltags, wie sie dann auch auf dem Müll landen, liegt im Wesen dieser Arbeit, die mit den tradierten Bildstrukturen europäischer Kunst bricht.

Dieses Konzept kann man etwa lapidar mit wenigen Worten zusammenfassen: Martin Dickinger verändert Gegenstände, indem er diese unverändert in ihrer Form belässt und sie mit Hilfe einer Papiermachéhaut ersetzt. Überschreitet die Anzahl der Gegenstände in der Halde eine bestimmte Grenze, so lösen sie sich auf und werden zu Grundeinheiten einer spezifischen Struktur. Wird eine gewisse Anzahl in der Ansammlung nicht erreicht, bleiben die Gegenstände Einzelobjekte. Insgesamt ist die Arbeit mehr reproduktiv als kreativ. Innovation liegt jedoch im Konzept. Präfabrizierte Elemente machen den Herstellungssprozess erst möglich. Mit ästhetischen Mitteln verändert Dickinger einen bestehenden mehr oder weniger ästhetischen Zustand, was einem Kunstprozess gleichzusetzen ist und somit pure Kunst bedeutet.. Dickinger gibt den ursprünglich unbesetzten Dingen durch die Häutung in Papiermaché die Freiheit. Erstens sind sie jetzt jeder Pflicht enthoben, zweitens durch das neue Material gewissermaßen entmaterialisiert aus einer Materialbegrenzung entlassen. Sie müssen nichts mehr, dafür können sie.

Erich Spitzbart





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VIEL ANFANG IST IN DIESER WELT - MARTIN DICKINGER


Die Avantgarden haben die letzten Jahrzehnte in einem unerhörten Rhythmus skandiert: Fauvismus, Kubismus, Futurismus, Expressionismus, Konstruktivismus, Surrealismus, Abstrakter Expressionismus, Pop-Art, Minimal Art und schließlich Konzeptkunst. Freiheit, Demokratie, Fortschritt. Jeder Stil hat eine innovative bildsprachliche Qualität, der Stil ist keine Mode, sondern die Spitze eines Eisberges einer sich ständig in Umbrüchen befindlichen Gesellschaft. Jeder Stil bündelt Energie. Jedes vermeintliche Ende der Kunst ist ihr neuer Anfang. Die Kunst an sich gibt es nicht, es gibt nur Kunst, die aus dem Handeln und der Handlung entsteht. In der ihnen eigenen Sprache schaffen Künstler eine bildnerische Wirklichkeit, die unablässig die Frage nach dem Selbst mit dem Tun in Einklang zu bringen sucht.

Man kann nicht anders, man muss sich derlei Gedanken machen angesichts des imposanten Werks von Martin Dickinger. Schon in jungen Jahren hat er Holz- und Steinbildhauerei erlernt, um dann bei Erwin Reiter in Linz Bildhauerei auch zu studieren. Mit einer soliden handwerklichen Ausbildung geriet der 1959 in Vorchdorf Geborene in die Auseinandersetzung um die moderne Kunst.. "Es geht überall hin". Diese Aussage befreite ihn. Er fand seine bildnerische Wirklichkeit, seinen Weg, sein Mittel, sich auszudrücken. Er fand Papier, die Auseinandersetzung mit dem Material Papier. Und er hatte die Courage und das Standvermögen, sich abseits publikumsträchtiger, erfolgs- und geldversprechender Kunstformen zu bewegen. Wer vor seinen Arbeiten aus Papiermaché steht, wähnt sich in den Kulturhalden der Zeitläufe. Formen über Formen, rund spitz, eckig, kantig, meist offen, versammelt in Gruppen, auf Halden. Anmutend wie Relikte vergangener und fortdauernder Kulturen, archaisch.

Die Form ist selten vorgegeben, sie findet sich, sie findet den Künstler, der sich ganz dem Material hingibt. Zeitungspapier wird in Wasser aufgelöst, ein Quirl, an einer Bohrmaschine befestigt, vermengt das Material. Das Wasser wird entzogen, Kleister hinzugemischt. So entsteht eine Masse, die über Formen kommt, sich festigt. Das Papier tritt aus der Fläche in die Dreidimensionalität. Das Haptische gewinnt an Bedeutung, dominiert. Der Künstler baut Skulpturen, experimentiert mit immer neuen Formen. Ein spannender Schaffensprozess, der keinem übergeordneten geistigen Konstrukt untergeordnet ist. Die Form schafft sich Raum und diesen Raum zu füllen ist wesentliches Ziel von Martin Dickinger.

Ein Roman entsteht. Die einzelnen Formen sind Teile eines sich stetig vergrößernden Gesamtwerkes. Buchstabe fügt sich an Buchstabe, Wort an Wort. "Es wird immer was fertig", sagt Dickinger und lässt es doch nicht enden. Seine Arbeiten schreien nach Berührung. Anschauen ist zu wenig. Angreifen erleichtert das Begreifen. So lässt sich nach innen blicken, öffnet sich die Form. Vertraute Objekte des Alltags erscheinen mit neuem Gesicht. Papier ist leicht, in dieser Form erstaunlich fest und stabil. Mit Leichtigkeit lässt sich die Schwere ermessen. Mit Verwunderung erschließt sich die Dingwelt neu. Viel Anfang ist in dieser Welt, viel Welt ist in diesem Anfang, der bewusst kein Ende finden soll.

Der Imagination ist Tür und Tor geöffnet. Die Innenwelt des Betrachters bestimmt die Assoziation. Der Künstler als Formender und Formgebender ist ein Chronist eines Aufbruchs. Wohin, warum, wieso? Wer weiß das. Eine Häutung folgt der anderen. Aus der hässlichen Raupe wird ein schöner Schmetterling. Die Kunst (er-)findet sich immer neu.

Stefan Rammer