COINCIDENCE I/2001
Zusammentreffen in Köln


Ausstellende Künstler:
go to
  Hussam Al Basam, Irak (Bilder)
go to
  János Fiedler-Großvater, Ungarn (Photographie)
go to
  Zaránd Gyula-Vater, Ungarn (Photographie)
go to
  Gyula Zarand-Sohn, Ungarn (Photographie)
go to
  Ulrike Hein, Deutschland (Luftinstallation)
go to
  Bożena Szlachta, Polen (Graphik, Installation)


Vernissage:
am Freitag, 04. Mai 2001, um 20 Uhr

Begrüßung:

Peter Busmann, Köln

Einleitung ¹:

Dr. Sabine Schütz, Kunsthistorikerin, Köln   (siehe Text)
Film:

"WINDOWS 2000" von Fatma Ismail, Ägypten, 5 Min.

Performance:

Alexander Schmid und Ruth Knecht "BLUBBERN"
         Alexander Schmid Bild

Performance für brave Bürger (mit Michaela Drux), Museum Schloss Morsbroich


O.K.E.J. - Jazz Quintett aus Breslau/Polen

Foto



O.K.E.J. (sprich: O.K.) ist eine Abkürzung für "Okolicznościowy Kwintet Entuzjastów Jazzu", welches soviel bedeutet wie ein "zufälliges Quintett von Jazz-Enthusiasten". Die Band setzt sich zusammen aus Studenten der Breslauer Musikhochschule, die im Oktober 1999 im Jazz Club "Rura" in dieser Formation debütierten. Alle Mitglieder der Band haben bereits vielfältige musikalische Erfahrungen in diversen Formationen und Jazzfestivals gemacht, wie zum Beispiel beim Festival "Jazz on the Oder" oder Beim "Frühlings Jazz" in Polen. Einige Mitglieder der Band gehören schon seit Jahren der Jazzband von Aleksander Mazur oder spielten in Formationen bzw. Festivals wie den "Jazz Juniors" in Krakau, "Music Town" in Hannover oder beim "Old Jazz Meeting" in Ilawa.
Das Repertoire der Gruppe O.K.E.J. setzt sich zusammen aus Stücken von Horace Silver, Benny Golson, John Coltrane, Miles Davis und anderen. Ihr als Main-Stream zu bezeichnender Stil wird bereichert durch zahlreiche, wertvolle eigene Stücke, die sich insbesondere durch überzeugende Bläsersätze auszeichnen.



Öffnungszeiten:

04.05.01 bis 04.07.01, Mo. und Di. 11-17 Uhr, So. 15-19 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung

(Gunter Demnig , Tel/Fax 0221/25 14 89)



Stiftung Kunst und Kultur Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW





Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Erneut ist es dem IGNIS dank der Kontakte und der unermüdlichen Organisationsarbeit von Gunter Demnig gelungen, ein spannungsreiches und vielfältiges Zusammentreffen in Köln einzuberufen. Diesmal sind sechs Künstler und Künstlerinnen aus vier Ländern beteiligt, zusätzlich gestalten drei Künstler das Programm des heutigen Eröffnungsabends. Dem in der englischen Sprache doppeldeutigen Sinn des Wortes "Coincidence" folgend, handelt es sich zum einen wieder um eine internationale Begegnung, der zum anderen keinem inhaltlichen oder sonstigen roter Faden folgt - sehr unterschiedliche Positionen der aktuellen Kunst werden präsentiert, und darüber hinaus wirft die Ausstellung auch einen Blick zurück auf das 20. Jahrhundert, und zwar aus der Perspektive der Fotografie. Die ungarische Fotografienfamilie Fiedler/Zarand, mit dem Großvater Janos Fiedler, dem Vater Zarand Gyula und dessen Sohn Gyula Zarand, vermitteln in ihren Arbeiten lebendige Eindrücke von der Entwicklung der ungarischen Fotografie seit ca. 1890 und geben zugleich einen Einblick in die Stilgeschichte der Fotografie im vergangenen Jahrhundert.

Der Großvater mütterlicherseits (daher der Namensunterschied), Jànos Fiedler, wurde 1873 geboren und starb 1953. Sein abenteuerliches Leben führte ihn weg vom ungeliebten Architekturstudium zu einem Zirkus, mit dem er als Bauchredner durch ganz Europa tingelte und 1916 sogar am Hofe des Zaren Nicolaus II im Sankt Petersburger Winterpalais auftrat. Bereits um 1890 kaufte er sich eine 13 x 18 Kamera und wurde Fotograf aus Leidenschaft, doch leider sind von seinem Gesamtwerk nur eine Serie von weiblichen Akten und einige Kinderbildnisse aus dem Zeitraum zwischen 1890 und 1920 erhalten geblieben. Jànos Fiedlers Fotografien sind still und intim. In seinen Aktaufnahmen scheint sich bereits die Kunst eines Frantisek Dritikol anzukündigen, und seine Porträts, hier besonders das Doppelporträt zweier kleiner Kinder, weisen ihn als aufmerksamen und scharfen Beobachter seiner Epoche aus.
1913 wurde im ungarischen Teil von Transsylvanien Fiedlers Sohn Gyula Zarand geboren. Er studierte Photographie, und später, nach dem Umzug der Familie nach Budapest, lernte er im Budapester Fotografen-Atelier Keller. In den dreißiger Jahre machte sich Zarand als Studiofotograf selbständig. Er liebte die spezifischen Effekte, die mit der schwarz-weiß-Fotografie zu e rzielen waren, und untersuchte in seinen Aufnahmen die fotografischen Effekte von Licht und Schatten, Transparenz und Oberfläche. Seine Studien zeigen ihn als Kind seiner Zeit, künstlerisch ganz auf der Höhe der Bauhaus-Ästhetik und nahe an den Experimenten der progressiven Fotokünstler Russlands und Osteuropas. Auch die Einflüsse des Surrealismus sind in seinen Werken spürbar, und für die Porträts seiner Frau Johanna prägte er den eigenen Begriff des Sur-Impressionismus. Auch als Dokumentar- und Porträtfotograf betätigte sich Gyula Zarand. Er starb im Alter von 50 Jahren 1963.
Sein Sohn, der ebenfalls den Namen Zarand Gyula trägt, kam 1943 in Budapest zur Welt, wo er bereits mit 15 in die Fußstapfen seiner Vorväter trat. Nach seinem Hochschuldiplom in Fotografie und Journalismus arbeitete er als Fotoreporter für diverse Zeitschriften. Besonders interessierten ihn von Anfang an die sozialen und politischen Verhältnisse in seiner Heimat Ungarn. Stets eignet ihm ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Themen seines Landes, und seine Reportagen über Psychiatrie, Alkoholismus, Randgruppen und Straßenkinder machen die zwischen 1958 und 1971 in Ungarn entstandenen Fotografien zu wichtigen zeithistorischen Beiträgen, deren Brisanz dazu führte, dass über einige dieser Aufnahen Publikationsverbot verhängt wurde. Sicher auch über das Foto eines Kindes, das neben paradierenden Soldatenstiefeln unbehelligt einherschreitet. 1971 siedelte Gyula nach Paris über, wo er seither lebt und arbeitet. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist, neben der Dokumentarfotografie, seine Zusammenarbeit mit französischen Dichtern und Schriftstellern. In Paris fotografierte er das alltägliche Leben und die Straßen und Schauplätze des alten Paris. 1987 kaufte das Pariser Museum für Moderne Kunst ein Konvolut seiner in Ungarn entstandenen Dokumentarfotos an. 1990 bis 1995 unterrichtete er sein Metier an der Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs. Heute arbeitet er für die Photoagentur Rapho.
An den Werken der Fotografenfamilie Fiedler/Gyula lassen sich verschiedene Entwicklungen des 20. Jahrhunderts exemplarisch verfolgen: Die Geschichte der Fotografie von der gestellten, inszenierten Atelieraufnahme über die Auseinandersetzung mit strukturellen und wahrnehmungspsychologischen Phänomenen bis zum sozialkritischen Fotojournalismus der Gegenwart ist in den Arbeiten der Künstler präsent, ebenso wie die Geschichte Ungarns, die in diesen Fotos, ganz unabhängig von ihrer künstlerischen Entstehung, ebenfalls in einprägsame Momentaufnahmen gebannt wurde.

Bożena Szlachta wurde 1955 im polnischen Wrocław geboren, wo sie in den siebziger Jahren ihr Kunststudium absolvierte. Seit 1982 lebt die Künstlerin in Deutschland. Heute ist sie in Niedenstein bei Kassel ansässig. Szlachtas Metier ist die Druckgraphik, mit deren Methoden - und mit vielen darüber hinausreichenden Mitteln - sie seit zehn Jahren arbeitet. Doch nicht so sehr die simple, von dem Druckprozeß geleistete Vervielfältigung einer Bildvorlage interessiert sie an diesen Techniken. Vielmehr sind es die spezifischen Ausdrucksformen der Graphik und - mehr noch - die prinzipielle Möglichkeit der Übertragung von bildlichen Informationen von dem einen zu einem anderen Material. Es sind die elementaren Grundlagen der Graphik, die sie experimentell ausweitet zu einem technischen Repertoire, mit dem sie ganze Rauminstallationen erstellen kann. Ein Beispiel eines solchen raumgreifenden Graphik-Environments stellt sie uns, mit der Arbeit "Sabeth", heute hier im Ignis vor. Ihre graphischen Werke sind konsequenterweise Unikate. Einen wahrhaft "tragenden" Part spielt in diesem Zusammenhang die Matrize, die bewußt so ausgewählt wird, dass sie sich schon auf Grund ihrer physischen Beschaffenheit für eine serielle Auflagenedition nicht eignet; kurzlebige Materialien wie Kartonagen, Verbundmaterialien, Folien, Plastikteile, dünne Aluminiumplatten und anderes nutzen sich im Laufe des Umdruckprozesse so rapide ab, dass kein Blatt dem anderen gleicht und trotzdem die eigenwillige Materialstruktur erhalten bleibt. Diesen an sich schon untypischen druckgraphischen Materialien prägt die Künstlerin - mit Farben oder durch Ritzungen - ihre persönlichen Spuren und Zeichen auf, was die Originalität jedes Exemplars zusätzlich steigert. Mittlerweile hat Bożena Szlachta auch das Spektrum ihrer Trägermaterialien erweitert. Da ihr nämlich die Arbeit mit Papier die Beschränkung auf festgelegte Größenverhältnisse aufzwang, verwendet sie neuerdings Baumwolle als Untergrund für ihre Arbeiten. Das textile Naturmaterial erlaubt - nicht zuletzt aufgrund seiner Handelsform als Meterware - Arbeitsprozesse, die mit Papier z.B. so nicht zu erreichen sind. Gerade zur Realisierung ihrer Installationskonzepte eignet sich der Stoff hervorragend, da er eine Platzierung der Bahnen im Raum erlaubt und sich von der Fläche leicht zum dreidimensionalen Objekt verformen lässt. Inhaltlich läßt sich Bożena Slachta gerne von literarischen Themen inspirieren. Schrift spielt daher eine sichtige Rolle für die Künstlerin. "Sabeth", der Name ihrer akutellen Arbeit, ist ursprünglich der Titel eines Märchen-Hörspiels von Günther Eich, welches dieser vor ge-nau 50 Jahren schrieb. Es handelt von einem Raben und dem kleinen Mädchen Elisabeth, dessen Namen der Rabe nicht aussprechen kann und sie Sabeth nennt. Er ist so groß, dass Elisabeth mit ihm fliegen kann. Der Rabe lernt, wie ein Mensch zu sprechen, doch je besser ihm dies gelingt, desto schneller vergisst er. Mit dem Lernen der Menschensprache geht der Verlust der Ursprache einher. Übergeordnetes Thema ist der Identitätsverlust des Individuums. Günter Eich sah in dem Raben aus "Sabeth" das Erinnerungsbild an eine vormenschliche Zeit, als die Wahrheit der Phantasie noch unbeeinträchtigt von Vernunftdiskursen existierte. Mit Gespür für diese Wahrheit der Phantasie wählt Bożena Szlachta die einzelnen Bestandteile der Erzählung aus, ordnet sie und fügt sie zu einer eindrucksvollen Raumgraphik zusammen.

Auch die in Köln ansässige Künstlerin Ulrike Hein hat sich immer wieder mit Räumen, auch mit Außenräumen, auseinandergesetzt. Als eines ihrer bevorzugten Materialien hat sie einen Stoff auserkoren, der eigentlich gar keiner ist, aber jeden Raum füllt: Die Luft. Ein durchaus verwegener Gedanke für eine Bildhauerin. "Luft ist ein Argument in meiner Kunst", sagt Ulrike Hein. Und dies schon seit geraumer Zeit. Am Anfang stand die philosophische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des "Pneuma", einem Begriff aus der griechischen Stoik, der weit mehr bezeichnet als nur unser lebensnotwendiges Gasgemisch - der nämlich dessen im Odem vollzogene Verlebendigung als Prinzip des reinen Geistes benennt. Pneuma ist, symbolisch betrachtet, der Windhauch, der alles Immaterielle überträgt und omnipräsent erscheinen läßt. Auch ganz banale Verlaufsformen der Realität übertragen sich - so sieht es Ulrike Hein - durch Luft, denn schließlich umgibt diese ständig alles. "Retour de Paris" hieß eine Außenraumarbeit von Ulrike Hein, die die Luft als Irritationsmoment einsetzte. In einen Pariser Park baute sie 1995 einen Schacht, aus welchem ein Gebläse Luft in die Umwelt pustete. Natürlich völlig zur Überraschung der Passanten, die in der frischen Luft des Parks wohl kaum mit künstlich erzeugtem Wind rechneten. In einer anderen Arbeit, die auch während ihres Paris-Stipendiats entstand, pumpte Ulrike Hein an verschiedenen für sie wichtigen Orten der Stadt Luft in Fahrradschläuche und ließ die Aktion dokumentieren. Pariser Luft. Haftete dieser Idee noch etwas Scherzhaftes an, so ist die hier im Ignis realisierte Arbeit "Luft - 100 Dollar" einer weniger leichten Thematik gewidmet Geldscheine verschiedener Länder hat sie verarbeitet; im Mittelpunkt ihrer Präsentation steht eine mit all ihren Macken und Gebrauchsspuren riesenformatig auf eine Aluminiumkonstruktion vergrößerte 100-Dollar-Note. Begleitet wird diese zentrale Arbeit von mehreren überarbeiteten Originalgeldscheinen - lauer Hunderter - verschiedener Länder - also ein wahrhaft internationaler Beitrag. Nähert man sich diesem senkrecht an der Wand befestigten Alukasten mit dem geradezu symbolischen Bild des Geldes darauf, so verspürt man einen daraus hervorwehenden Luftzug, denn die Künstlerin hat zwei senkrechte Belüftungsschlitze hineingeschnitten, als wolle sie den ohnehin nur als Abbild einer selbst - also als Schein - gegebenen Schein durch die Luftigkeit der Installation noch zusätzlich verflüchtigen. Einerseits ist jede Banknote schließlich nur ein (Schein-)Bild des von ihr repräsentierten Werts, andererseits verkörpert sie Besitztum pur. Ulrike Hein hat ihre Hunderter keineswegs zufällig aus den Währungen dieser Welt ausgewählt: ihre Favoriten sind Dollar, D-Mark, Rubel und Schweizer Franken. So empfand sie den Umstand, daß die Schweiz auf ihrer 100 Franken Note ein Werk Alberto Giacomettis abbildet, als Herausforderung zur künstlerischen Weiterverarbeitung ausgerechnet dieses Papiers. Besonders faszinierte sie, dass die Hunderter in jedem vertretenen Land einem eigenen Wert entsprechen, und dass jede Nation ihre eigene Mentalität im Umgang mit der Währung entwickelt hat. Daß Ulrike Hein ohne moralische Skrupel Geldscheine zu Kunstwerken umfunktioniert, wirft mit provokant-ironischem Blick auf den Kunstmarkt schließlich auch die Frage auf, ob hier eine Auf- oder Abwertung stattfindet. Geld und Luft sind zwei wahrlich ungewöhnliche plastische Werkstoffe. Ulrike Hein gelingt es, beide Komponenten i intelligenten und hintersinnigen Bildideen zu verknüpfen.

Der Maler Hussam Al Basam, der sechste im Bunde des aktuellen Kölner Zusammentreffens, wurde im Irak geboren und lebt und arbeitet sein fünfzehn Jahren in Köln. Al Basam ist Maler mit Herz und Seele, sein Lebenselixier ist die Farbe, und diesem Grundsatz ist er treu geblieben, seit er sich in den siebziger Jahren zu seinem Beruf entschloß. Doch blickt man von den aktuellen, hier ausgestellten Arbeiten zurück auf sein Oeuvre der letzten Jahre, so stellt man eine beachtliche Weiterentwicklung fest. Zwar bewegte sich sein Werk stets zwischen Abstraktion und freier Gestik, doch hatte Al Basam zuvor den Erinnerungs- und Assoziationsbrücken zur sichtbare Realität noch einen wichtigen Platz eingeräumt, so hat sich sein malerischer Duktus mittlerweile von den gegenständlichen Themen beinahe gänzlich emanzipiert. Die Farbe und die malerische Bewegung haben eine Eigendynamik entfaltet, die kaum mehr Halt in der Welt der wirklichen Dinge braucht. Nur ganz selten noch stößt das Auge des Betrachters auf Andeutungen von Dingen oder Lebewesen, die sich aber im nächsten Moment bereits im gestischen Wirbel der Farben wieder verlieren. Manchmal lenkt der Künstler unsere Phantasie durch seine Titel auf eine Fährte in der Welt der greifbaren Realität. "Kaiserfisch" heißt eines dieser Farbsprühenden Bilder, und in der Tat kann man, wenn man will, die Konturen eines großen Fisches aus dem Bildgeflecht ausmachen. Oder man kann in einem anderen Gemälde die Bewegungen des Pinsels als den Körper eines Matadors deuten: Stierkampf. Doch bleibt die gegenständliche Fixierung offen und mehrdeutig. Parallel zu der "Entwirklichung" seiner Bildwelt hat sich der Künstler experimentelle Arbeitstechniken angeeignet, mit denen er auf den neuartigen Freiheitsdrang seiner Farben und Formen angemessen reagiert. Al Basam arbeitet neuerdings mit einem Lack aus Seidenacryl, der den damit gemalten Partien eine dichte, deckende Oberfläche verleiht. Mit dem spitzen Ende des Pinsels ritzt und kratzt er diese Flächen teilweise wieder auf und schafft so Durchblicke auf darunter verborgenen Farbschichten. Für die kleineren Papierarbeiten wählte Al Basam als Untergrund handgeschöpftes Büttenpapier, dessen rauhe, fast reliefartige Struktur der Unruhe seiner Gestik entspricht. Auch das Kolorit hat sich geändert. Stand ehedem das tiefe Blau der Assyrischen Epoche seines Heimatlandes im Mittelpunkt seiner Palette, so hat er diesem nun ein leuchtendes, manchmal ins Orange driftendes Gelb als Komplementär hinzugesellt, wodurch die Spannung der Bilder immens gesteigert wird. Vergleichbar mit der Befreiung vom Gegenstand zur ungebundenen malerischen Gestik hat Al Basam als weiteren Entwicklungsschritt seine Bilder von der Fläche in den Raum hin ausgeweitet, und zwar mit durchaus ungewöhnlichen Mitteln. Der Bildträger selbst, also die Leinwand, wird mit Hilfe von räumlichen Objekten ausgeformt - der Künstler nennt dies seine "verbogenen" Bilder. Teile von Möbelstücken ebenso wie Materialien aus Bau- und Hobbymärkten dienen seinem Anliegen, die Flachheit des Gemäldes zum Relief und schließlich zum skulpturalen Objekt hin zu erweitern. Und auch die äußere Form des Bildes hat längst das Rechteck überwunden: Ein aus einer Keramikschale bestehender Tondo, ein bogenförmiges, abgerundetes Dreieck oder trapezförmige Bilder gehören zum formalen Repertoire in seinem neuen Oeuvre. So dynamisch wie seine Bilder ist der Veränderungsprozess, der sich in Hussam Al Basam Werk vollzieht. Auf seine weitere Entwicklung darf man gespannt sein.

Die arabisch Welt ist heute außergewöhnlich stark vertreten hier im Ignis, das offenbar den Begriff Osten immer weiter definiert. Ich freue ich mich persönlich ganz besonders, eine gute Freundin und Kollegin aus Kairo hier im Ignis begrüßen zu dürfen, Dr. Fatma Ismail, die uns jetzt als Beitrag zum heutigen Abend ihr Kurzvideo "Windows" zeigen wird. Die Arbeit entstand aus dokumentarischen Filmaufnahmen von einem experimentellen kunstpädagogischen Stadtteilprojekt, welches sie, gemeinsam mit Künstlerkollegen, in Kom Ghourab, einem der ärmsten Viertel der Metropole, durchführte. Bilder aus dieser Dokumentation hat sie mit der abweisenden Stahl-Glas-Front eines jener gesichtslosen Konzern-Wolkenkratzer konfrontiert, wie sie die Großstädte dieser Erde allerorten verunzieren.

Im Anschluß an die Vorführung des Videos werden dann Alexander Schmid und Ruth Knecht ihre Performance "Blubbern" zum Besten geben.

Dr. Sabine Schütz



Ausstellungsverzeichnis
zum Ausstellungsverzeichnis