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Vernissage: am Freitag, 14. September 2001, um 20 Uhr Begrüßung: Prof. Peter P. Canisius, Köln Einleitung: Dr. Sabine Schütz, Kunsthistorikerin, Köln Performance:
Andreas Techler "LICHT AUS!" |
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Musikalische Urahmung: Schau-Pau Acoustic Blues live in concert |
zum zweiten Mal in diesem Jahr veranstaltet das IGNIS - unter bewährter Leitung von Gunter Demnig - eine international besetzte Ausstellung. Denn Internationalität - mit dem Schwerpunkt Osteuropa - ist ja bekanntlich ein Charakteristikum der IGNIS-Kulturarbeit, ebenso wie die Vielfalt der hier per "Coincidence" zusammengeführten künstlerischen Beiträge und ebenso wie - last not least - die Behaglichkeit seiner Atmosphäre. Und all seinen geschätzten Kennzeichen wird - so glaube oder hoffe ich - die heutige Veranstaltung gerecht. Was die Künstler angeht, so stammen vier von Ihnen aus Osteuropa: Krzysztof Gruse aus Polen zeigt eine witzige Bilder-Installation, Jiri Lacina aus Tschechien graphische Papierarbeiten, Boris Minkowskij aus Russland eine Bild-Objekt-Installation und Vladi Zalyasko aus der Ukraine ist mit Malerei zwischen Chaos und Gemetri präsent und - . Ergänzt wird dieses slawische Quartett durch den Österreicher Martin Dickinger mit einer seiner Halden-Skulpturen und die Deutsche Friederike Vahlbruch mit humorvoll-ironischen Ding-Transformationen. Mit ihrem Werk möchte ich meinen kleinen Überblick beginnen, und dies nicht so sehr, weil sie die einzige Frau ist in der heutigen Runde - was übrigens für die Ausstellungen im IGNIS zum Glück überhaupt nicht typisch ist -, sondern weil sie -als Ehrenfelderin - die Gastgeberstadt Köln vertritt, und weil ihre Arbeiten hier, uns allen sichtbar, den Cafe- und Konzertraum schmücken. Der Schauplatz von Friederike Vahlbruchs Malerei ist eine verkehrte Welt, eine Welt, in der sich die Dinge verselbständigen und Menschen, wenn überhaupt, allenfalls als kunsthistorische Zitate zugelassen sind. Banale Objekte des Alltags lässt die Künstlerin an des Menschen Statt treten und agieren; gutbürgerliche Interieurs verwandeln sich in Aktionsräume für hyperaktive Toaster, Sessel oder Waschmaschinen, die hier ihr munteres Eigenleben entfalten. Anthropomorphe Zwitterwesen aus Elektromasten, Instrumenten oder Möbeln treten auf als Protagonisten absurder, ja geradezu surrealer Situationen. Friederike Vahlbruch geht von vielerlei Anregungen aus, wenn sie ihre stets von ironischem Humor gespickten Bilder entwickelt. Eine wichtige Rolle spielt für Sie die Kunstgeschichte, besonders interessiert sie sich - gar nicht überraschend - für die Epoche des Manierismus, als die Kunst ähnlich skurrile Blüten trieb wie in ihrer eigenen Vorstellungswelt. Eine Hervorbringung des Manierismus ist die Groteske, also ein aus stilisierten Figuren kombiniertes Ornament. Und keineswegs stört es Friederike Vahlbruch, wenn man ihre Kunst in die Nähe des Ornamentalen, Dekorativen rückt. Sie selbst betont ihre Vorliebe für die Gobelins des 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren farbenprächtigen großflächigen Mustern aus Putten, Satyrn und Sibyllen. Ihre eigenen Bilder reiht die Künstlerin in diesen Kontext ein und umrahmt sie in diesem Sinne mit Bordüren: den Faulenzer-Gobelin etwa schmückt ein verführerisches Musterband aus Schwarzwälder Kirsch, während den Buntwäschegobelin passender Weise eine Wäscheleine samt Klammern ziert Als Motivlieferant ist ihr die Kunstgeschichte überhaupt sehr recht, schreckt sie doch sogar vor einer Paraphrase auf den guten alten Max Ernst nicht zurück. Mehr noch aber ist sie der Ikonographie der antiken Mythen zugetan. Und warum soll sich eine in ein modernes Badezimmer verpflanzte Venus eigentlich nicht in einen praktischen Alibert-Spiegel-Schrank verwandeln? Oder Ledas Schwan sich als schicke Armatur tarnen? Friederike Vahlbruchs ungeniert und nach Herzenslust zwischen Comicstrip und Kunsthistorie wildernde Phantasie macht's möglich. "Ich hätte es gern, daß Alle das Heilige in allem entdecken würden", meint der polnische Künstler Krzysztof Gruse. Was den Humor und die Ironie betrifft, so steht die Installation des im 1957 in Bydgoszcz geborenen Gruse den Arbeiten von Friederike Vahlbruch in nichts nach. Doch ist es eine ganz eigene, hintergründige und auch selbstironische Form des Humors, die in diesem Environment zum Vorschein kommt, das den seltsam bescheiden klingenden Titel "Mittelmäßiges Bild" trägt. Es ist eine Ansammlung von Bildmaterial aller nur denkbaren Herkunft, die Gruse hier nach einem recht unorthodoxen Hängeplan nicht nur an den Wänden, sondern sogar zwischen Scheiben der Fenster verteilt hat wie in einem schlecht sortierten Kaufhaus. Sogar die Wühlkiste mit weiteren mittelmäßigen Bildern fehlt hier nicht und verweist auf die prinzipielle Austauschbarkeit des präsentierten Bildguts. Alte Postkarten und Familienfotos, Pornobildchen, Reklameaufkleber, Verpackungsmaterial und Zeitungsfotos, gerahmt oder auf Leinwand kaschiert, hängen zwischen diversen Exemplaren Gruses eigener, wahrhaft mittelmäßiger Malerei, die in betont dilettantischer Manier verschiedene künstlerische Stile durchspielt und variiert. Der Künstler selbst stellt sich uns als Autor der "Theorie des Durchschnittlichen" vor und zeichnet zudem als Mitbegründer der "Bydgoszczer Schule" - hinter beiden Aktivitäten steckt augenzwinkernd aber unmissverständlich die ironische Geste, mit der er sich über alle Regeln der Kunst hinwegsetzt und seine eigenen Maßstäbe sucht. Gruse behauptet von sich: "Er malt, schreibt, singt und tanzt wie er kann." Und auch kein Deut besser, mag man hinzufügen, wenn man vor dem riesengroßen, grob gemalten Bild steht, welches das Zentrum dieser ästhetischen Satire auf Spießertum und Bürgermief bildet: auf der ins Überdimensionale aufgeblasenen Hochzeitsglückwunschkarte prangt ein sich küssendes Paar, eingerahmt von kitschtriefenden Symbolen und Schmuckformen. Doch will ich mich einer endgültigen Interpretation von Gruses Kunst enthalten und erteile lieber dem Künstler das letzte Wort, der uns in einem Gedicht über seine Vorlieben und Wünsche aufklärt: "Ich liebe ABC-Bücher Bedienungsanleitungen Märchen Aufrufe und Bekanntmachungen. Sie liebe ich weil sie der Weisheitsschein sind. Ich mag die Fliegen... Ich habe mir vorgenommen ..es ist immer das selbe...." Vladi Zalyasko aus Odessa wurde 1964 in der Ukraine geboren; zur Zeit lebt er in Köln. Der Künstler arbeitet als Maler und Bildhauer, doch die heutige Ausstellung zeigt ausschließlich Ausschnitte aus seinem malerischen Werk. Sofort fällt die ursprüngliche Kraft seiner farbintensiven, durchgehend abstrakten Gemälde auf, die offenbar aus dem Widerstreit unterschiedlicher Prinzipien entspringen. Diese Prinzipien kann man, vereinfachend, mit den Phänomenen "Ordnung und Chaos" beschreiben oder, übertragen in die Terminologie der Kunstkritik, etwa mit den Begriffen konstruktiv und informell. Ein wiederholt von ihm eingesetztes, dem konstruktiven Bereich zugehöriges Element ist das Quadrat, welches die äußere Gestalt sowie die Titel vieler seiner Bilder vorgibt und oft auch deren Binnenstruktur prägt, und zwar im wörtlichen Sinne dieses Verbs. Neben Acrylfarbe verwendet Zalyasko nämlich gerne dicke Schichten von Spachtelmasse, die er auf die Bildträger aufstreicht und in noch weichem Zustand mit einer Art Raster-Schablone bearbeitet, so dass sich ein Gittermuster von tiefer Reliefwirkung eindrückt. Solche ordnenden, der Geometrie entlehnten Formen treffen in diesen Gemälden aber stets auf Elemente der Bewegung, des Gestischen und Unkontrollierten, die der formalen Disziplin das Prinzip der künstlerischen Freiheit entgegen setzen. Je nach dem, welche Kraft sich während des Arbeitsprozesses behaupten kann, tendiert das Resultat zur eher wilden, expressiven Geste oder aber zur klaren, rationalen Komposition. Immer aber gelingt es dem Künstler, die im Bilde miteinander streitenden Energien schließlich einer Art Synthese zu unterwerfen; Harmonie und Ausgewogenheit sind ihm, dem ausgebildeten Innenarchitekten, wichtige Faktoren seines künstlerischen Denkens. Erzählerische Momente sind ihm hingegen eher fremd, seine Bildtitel verweisen auf allgemeine Zustände und Vorgänge - "unterwegs oder "verbrannt". Doch kommt es auch vor, dass ein persönliches Erlebnis am Anfang einer Bildidee steht. So hat er seine ersten Erfahrungen in der Domstadt in Form von Collageelementen in einem seiner Gemälde verarbeitet. Der Tausendmarkschein, so viel sei hier aber verraten, ist nicht echt.
Auch die Werke des Tschechen Jiøí Lacina vereinen unterschiedliche bildnerische Prinzipien miteinander.
Und wie für Vladi Zalyasko, so spielt auch für den 1934 bei Prag geborenen Lacina
die in der osteuropäischen Kunsttradition verankerte, konstruktive Bildordnung eine
entscheidende Rolle, und dies in noch stärkerem Maße als bei seinem ukrainischen
Kollegen. Sein zentrales Ausdrucksmedium ist die Zeichnung in Graphit und Farbstift auf Papier,
die er zu eigenständigen und stimmigen Resultaten zu führen versteht.
Meisterhaft und virtuos bedeckt er mittels unterschiedlicher Zeichentechniken zuweilen das
ganze Blatt mit Schraffuren, Strichelungen und schattenhafte Partien, die in lebendiger Beziehung zueinander stehen und aufeinander reagieren. Lacinas ebenso klare wie reichhaltige Bildsprache bringt Kompositionen hervor, deren Spannung aber vor allem auf dem Kontrast zwischen Hinter- und Vordergrund beruht; das betrachtende Auge muß zwischen dem zumeist von seriellen Pattern bedecktem Grund und den die vordere Ebene beherrschenden, z.T. sehr farbintensiven Gebilden beständig hin- und herwandern. So stellt sich der Eindruck von Räumlichkeit ein, ohne dass der Künstler auf Hilfsmittel wie etwa die Zentralperspektive zurückgreifen muß. Dennoch wirken seine Blätter oft gebaut und weisen zahlreiche Bezüge auf zur Architektur.
Die von Lacina entwickelten Formgebilde entziehen sich zwar der gegenständlichen Deutbarkeit, bewegen sich aber zuweilen so dicht an der Dingwelt entlang, als handele es sich um Objekte aus einer anderen, uns fremden Wirklichkeit, aus der klar durchstrukturierten und ausgereiften Wirklichkeit einer beachtlichen künstlerischen Imagination.
Als dritter im Bunde der vom Konstruktivismus beeinflussten Ausstellungsteilnehmer tritt der in Köln lebende Russe Boris Minkowski in Erscheinung, der hier im Ignis seine Rauminstallation "Requiem" präsentiert. Auch er spielt die Möglichkeiten der Malerei durch, in der Fläche die Illusion von Raum zu erzeugen. Seine großformatigen, auf Schwarz, Weiß und Grautöne reduzierten Tafeln bewegen sich so geschickt zwischen Architektur und Bild, zwischen Objekt und Oberfläche, dass Wahrnehmungsirritationen beim Betrachter geradezu vorprogrammiert zu sein scheinen. Es ist eine gänzlich irrationale Architektur, deren logische Ansätze im Verlauf des Bildes umschlagen in reine, fast analytische Malerei. Oder, je nach Leserichtung, aus der amorphen malerischen Fläche unvermittelt vor dem Auge auftauchen. Man fühlt sich erinnert an kunsthistorische Vorläufer wie den italienischen Meister des anti-logischen Illusionsraumes, Giovanni Battista Piranesi, oder dessen trivialeren Nachfolger M.C. Escher. Vor allem aber kam mir in diesem Raum die Pionierarbeit von Josef Albers in den Sinn, zu dessen strukturalen Kompositionen Minkowskys architektonische Umkehrformen in enger Verwandtschaft stehen. In seiner Rauminstallation arbeitet Minkowsky verschiedene Variationen der Verschränkung räumlicher Gegensätze durch: Der Boden wird unvermittelt zu Wand, aus der ebenso unvermutet Kanten oder Vorsprünge herauszuwachsen scheinen. Je nach Blickpunkt und je nach Lesart unterliegt das Bild so einer ständigen Verwandlung zwischen offener Fläche und geschlossener Form. Konsequenterweise hat Minkowskij den drei großen Gemälden dieser Installation einen stelenförmigen Raumkörper hinzugesellt, der die illusionistische Räumlichkeit in die reale Dreidimensionalität des skulpturalen Objektes erweitert. Last not least ein Blick nach Österreich, wo seit vielen Jahren Martin Dickinger an seinem erstaunlichen, ja geradezu monströs anmutenden Haldenprojekt arbeitet. Seine hiesige Installation vermittelt einen anschaulichen Eindruck. Ausgangsmaterial ist für Dickinger stets und ausnahmslos Papiermache, hergestellt in der uns allen noch aus dem Kunstunterricht geläufigen Verfahren: Zeitungen, Wasser, Kleister usw. Mit diesem Brei formt der Künstler die Dinge des Alltags ab - und demonstriert so einen völlig anderen, von Friederike Vahlbruchs Ansatz gänzlich unterschiedenen Umgang mit den Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Wir erkennen in seiner Halde Telefonhörer, Lenkräder, Bohrmaschinen, Kugeln, Colaflaschen und andere Gefäße, allesamt gebildet von der spröden Materialität des getrockneten Papierbreis. Auch fremdartige, unfunktionale Gebilde tauchen auf, entstanden aus den Abfallprodukten der restlichen Objekte als, wenn man so will recyceltes Recycling. Man muß wissen, dass der Künstler die eigentlichen Objekte nach dem Trocknen aus ihrer Papphaut befreit. Die in der Raumecke bis fast zur Decke akkumulierten Formen sind demzufolge federleicht, denn sie bestehen nur aus den Hüllen der darin wiedererkennbaren, aber nicht mehr enthaltenen Massenprodukte. Die auf Farbnuancen zwischen beige und anthrazit beschränkte Palette ergibt sich unmittelbar aus dem Material, denn Papier und Druckerschwärze vermischen sich zu unterschiedlichen Abstufungen von Grau, dessen Intensität der Künstler auch schon mal nachhilft. Am Kolorit seiner Werke ist Dickinger aber prinzipiell wenig interessiert; auch geht es nicht, wie man angesichts dieser Anhäufungen banaler Artikel, vermuten könnte, um einen umweltkritischen Reflex auf die anwachsenden Müllberge oder dergleichen. Vielmehr steht im Mittelpunkt seiner Arbeiten deren jeweilige plastische Qualität, die Dickinger in jeder Installation konsequent herausarbeitet. Und nicht die Einzelform ist von Bedeutung, sondern erst in der Masse wird das Objekt zum künstlerischen Ausdrucksträger. Überzeugen sie sich selbst von der plastischen Kraft dieser außergewöhnlichen Installation. Und genießen sie die Ausstellung und den heutigen Abend. Den Künstlern und der Künstlerin wünsche ich viel Erfolg. Sie haben ihn verdient. Dr. Sabine Schütz |