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Coincidence IV/2002
Luis
Cruz
präsentiert im Treppenaufgang und im zentralen Korridor des Obergeschosses
Fotografien aus seiner umfangreichen Dokumentation der Kölner Cristopher-Street-Day-Parade. Cruz stammt
aus Chile, einem Land, das seiner eigenen Einschätzung nach Minderheiten
ethnischer oder auch gesellschaftlicher Art wenig Toleranz oder gar Respekt
entgegenbringt. Entsprechend fasziniert nimmt er den bizarren
und zuweilen atemberaubenden Reiz dieser Kundgebung ins Visier. Der Künstler
vollzieht dabei nicht einfach den voyeuristischen Blick des Publikums auf die
nackten oder spärlich kostümierten Protagonisten nach, sondern spürt der
gesellschaftspolitische Dimension des Ereignisses nach. Die erheiterten und
ausgelassenen, zuweilen auch ratlosen oder befremdeten Reaktionen der
Zuschauer sind ein bestimmender Faktor in diesen Bildern; das Publikum wird
zum aktiven Teil einer volksfestartigen Massenperformance. Wirken die Fotos auf den ersten Blick wie das
sachliche Protokoll der angetroffenen Geschehnisse, so erweist sich bei
näherem Hinsehen, dass der Künstler aus den dokumentierten Situationen dieses
Festivals eine Realität eigener Art destilliert und hierüber die Normen
unserer alltäglichen Wahrnehmung zur Diskussion stellt. Die posierenden
Umzugsteilnehmer werden im Ausleben ihrer anderen, unkonventionellen
Neigungen erfasst, dabei durch Komposition und Aufbau des Bildes oftmals ins
Monumentale gesteigert, ja zuweilen fast zu Ikonen erhoben. Cruz setzt ihren Glamour und ihr enthemmtes
Gebaren in Kontrast zu der biederen Architekturkulisse der Kölner Innenstadt.
Den Tanzenden wächst so ein schwereloser, fast phantastischer Charakter zu
vor der gutbürgerlichen Zuschauermenge mit Kind, Hund und Milchshake-Becher.
Das Volk in seiner Karnevalsseligkeit öffnet sich mit größter
Selbstverständlichkeit dem, was hergebrachte Moralbegriffe als unerhört und
schockierend klassifizieren. Mit Aufmerksamkeit noch für das kleinste
Detail, der oft martialischen, aber auch humoristischen und poetischen
Aufmachung der Umzugsteilnehmer offenbart der Künstler den ganz eigenen
Lebenskosmos der hier Feiernden, ihr ostentatives Beharren auf der Entfaltung
und Kultivierung einer eigenen sexuellen Identität. Hinter ihrer emphatischen
Publikumsansprache nimmt Cruz jedoch auch den intimen und sinnenfrohen Umgang
miteinander wahr, der auch den Außenstehenden hier und da zu enthemmten
Reaktionen, zu einem spontanen Vergessen aller Scham animiert. Die unterschiedlichen Realitätsebenen, die Cruz
im Geschehen wahrnimmt und als solche in seinen Bildern anschaulich werden lässt,
sprechen vom Aufeinandertreffen konträrer Lebensentwürfe. In Köln, so zeigt
es der von außen Stammende, kann das Ineinanderwirken unterschiedlichster
Weltanschauungen immer wieder in ekstatische, kollektive Prozessionen münden. David
Gericke
aus Argentinien zeigt Gemälde und Skulpturen, die von seiner
Auseinandersetzung mit den altamerikanischen Kulturen der Maya und Inkas
geprägt sind. In ihren Hieroglyphen, ihren Pyramiden ebenso wie im religiösen
Kult oder der Naturphilosophie dieser frühen Hochkulturen finden sich die
entscheidenden Inspirationsquellen für seine aktuellen Bilder und Objekte. Seine Gemälde zeichnen sich durch intensive
haptische Reize der Farboberfläche aus; fast scheint es, als wären die Werke
aus einer vorzeitlichen, mythisch behafteten Materie erschaffen. Die
stumpfen, das Licht absorbierenden Oberflächen sind reich reliefiert durch
den Einsatz einer dickflüssigen Pigment-Gel-Mischung, die der Künstler
mithilfe gezahnter Spachtel zu unterschiedlichsten Strukturen gestaltet; hier
wird sinnfällig, daß Gericke sich auch im Malakt primär als Bildhauer
versteht. Doch damit nicht genug des unkonventionellen
Farbauftrags: Über schablonierte oder abgeklebte Bereiche bläst der Künstler
losen Pigmentstaub und verleiht den schemenhaft ausgesparten Motiven so eine
fast geisterhafte, sinnbildliche Präsenz. Eine weitere Bereicherung erfährt
die Oberfläche durch Krakelluren, haarfeine Risse in den oberen Farbschichten,
die wiederum auf Alter und Erosion, auf einen unbestimmbar-archaischen
Ursprung deuten. So werden im Umfeld der dargestellten,
symbolträchtigen Motive und Ornamente polare Kräfte der Anziehung und
Abstoßung wirksam. Häufig prägen wuchtige, blockhafte Elemente die Gestalt
seiner Gemälde. Die charakteristischen Formen der Pyramidenbauten dienen als
Grundlage abstrakter Bildstrukturen. Sie beschwören die Vision eines Tempels
herauf, erschaffen gemeinsam mit dem erdigen Kolorit die geheimnisvoll-dunkle
Atmosphäre vorzeitlicher Kultstätten. Zugleich aber kombiniert Gericke die
Farben der altamerikanischen Kunst etwa mit dem strahlenden und unwägbar
tiefen Blau europäischer Kathedralefenster und bringt so eine weitere
Dimension des Transzendenten und Spirituellen ins Spiel. David Gerickes Skulpturen sprechen gleichfalls
von Interaktion und Austausch zwischen den Gattungen: die eisernen
Kompartimente der hier gezeigten Plastiken sind in Erdfarben bemalt, patiniert
und partiell vergoldet. Die malerische Dynamik vermittelt dem wuchtigen
Metall-Corpus eine unerwartete Leichtigkeit und Energie. Die bekrönenden
Ton-Elemente - die wiederum
archaische Kultbauten paraphrasieren - führen einen komplexen und vielschichtige
Dialog zwischen Masse und Raum, zwischen Materie und Geist vor. Nikolaus
Grathwohl aus Köln präsentiert Gemälde, die nicht den Rückbezug auf die
sichtbaren Formen der äußeren Realität suchen, sondern auf einer abstrakten
Ebene dem Prozess der Formentstehung nachspüren. Zugleich feiern sie die
Pracht der Farbe, deren subtile Kombinationen und Kontraste sich erst im
hellen Tageslicht in voller Intensität mitteilen. Bei der Idee des Prozessualen geht es Grathwohl
nicht primär um die Vergegenwärtigung des Malakts, um die gestische Spur,
sondern vielmehr spielen bei der Entwicklung seiner abstrakten Bildformen die
Eigendynamik und das Verhalten der eingesetzten Malmittel eine zentrale
Rolle. Die Bilder mit ihren zumeist fließenden oder auch schwebenden Farbgründen
gewinnen ihren Reiz aus der zufallsbestimmten Lebendigkeit eines gleichsam
organischen Materialverlaufs. Grathwohls Sensibilität für die Farbmaterie und
seine unkonventionelle Handhabung der Technik - er bemalt die Bildträger,
während sie auf dem Boden liegen und nicht, während sie an der Wand hängen
oder auf der Staffelei stehen - eröffnen einen unmittelbar sinnlichen und
stark vom subjektiven Erleben geprägten Zugang zum Bild. Die dynamische Anmutung seiner Kompositionen
ergibt sich maßgeblich aus dem Gewahrwerden dieses für den Künstler nur
bedingt berechenbaren Gestaltungsvorgangs: Immer neue, subtil abgestufte
Lagen von Farblösung, fluktuierende Pigmentverdichtungen, Unterfütterungen
und Reliefierungen des Bildträgers, Auswaschungen und Farbreaktionen prägen
die Bildgestalt. Diese Dynamik der Bewegungsspuren und Farbverläufe wirkt
noch intensiver durch die Wahl des Formats - mit der elementaren Grundform
des Quadrats ein kontrastierend objektives, orthogonales Schema. Zugleich setzt Grathwohl die herkömmliche,
schwingende Nachgiebigkeit der "Leinwand" außer Kraft, indem er
derart zahlreiche Schichten der Acrylfarbe auf dem Nesseltuch anhäuft, dass
sich die Oberfläche versteift und so die Eigenwirkung des Gewebes
zurücktritt. Die daraus resultierende Dichte und Undurchdringlichkeit der
Farbhaut bewahrt dennoch das Geheimnis ihrer komplexen Entstehungsgeschichte:
Aus der Betrachtung einer sinnlich überaus konkreten Vielschichtigkeit
erwachsen mannigfache Assoziationen auch an Schichten organischer,
geologischer oder archäologischer Natur, ja vielleicht an Schichten selbst
des menschlichen Bewußtseins. Roman
Pompe
aus Tschechien widmet sich hauptsächlich der Arbeit mit der Super8-Kamera
bzw. dem Trickfilm. Er präsentiert zwei Arbeiten, deren Inhalt und Struktur
sich aus spontanen Einfällen und Assoziationen des Künstlers zu einem
bestimmten Thema speisen. Pompe geht dabei aus von einem bestimmten Bild,
zumeist sogar ganz wörtlich vom Einzelbild, das nach einer Ergänzung und
Forterzählung verlangt. In der Arbeit "Trinken als Chance"
zeigt er uns, wie der gemeinsame Getränkekonsum zwei Personen einander
annähert, wie sie - unaufhörlich trinkend - sich buchstäblich ineinander
versetzen, und dabei in rauschhafter Geschwindigkeit ihre Identitäten wechseln
und erweitern. Pompes Sinn für groteske Clownerien des Alltags
öffnet uns die Augen für die Stumpfheit und Eindimensionalität unserer
normierten Verhaltensweisen und Vorstellungen. Es sind zum Teil allgewaltige
kindliche Wünsche und Träume, die er freilegt, motiviert durch das Bedürfnis,
die Grenzen, die der Kreatur Mensch in dieser Welt gesetzt sind, zu
überwinden und zu sprengen. In der zweiten hier präsentierten Arbeit verleiht
der Künstler - im Wortsinne - unserer Phantasie Flügel: Den Besucher, der
sich dem Genuss dieser Endlos-Loops nach eigenem Ermessen hingeben mag,
erwartet ein vergnüglicher Ausflug in die Fauna mit dem Hauptdarsteller Roman
Pompe. Für Platon Silvestrov aus der Ukraine stellt
der Dominostein eine zentrale Inspirationsquelle und ein Grundmodul seiner
künstlerischen Arbeit dar. Er begreift den traditionsreichen, international
populären Spielstein als Symbol des spielerischen Austauschs und damit als
Sinnbild einer globalen Facette menschlicher Kultur. Die Form des Dominosteins leitet sich ab von
der Grundform des auch als magisch zu verstehenden Quadrats. Seine Augen
bezeichnen Punktformationen, die magische Summen versinnbildlichen und ins
Kosmische oder Mythische weisen. Der Punkt ist zugleich - künstlerisch
betrachtet - Ausgangspunkt aller Formgenese: Der Punkt erzeugt Linien, diese
wiederum erzeugen Flächen u.s.f. Silvestrov lotet das Bedeutungspotenzial des
punktförmigen Spielauges in den unterschiedlichsten Zusammenhängen aus.
Bereits die Proportionen vieler seiner Objekte leiten sich aus dem Umriss und
der Struktur des Dominosteins her. So verleihen die silbrig schimmernden Schemen
einer Domino-Reihe seiner Landschaftsdarstellung eine kosmische Dimension, so
kann sich innerhalb einer abstrakten Komposition ein ornamentales Lichtermeer
entfalten, so können Punktfolgen sich zu konstruktiven Kompositionslinien
verselbständigen. In anderen Arbeiten spielt der Künstler nunmehr
auf das Ausgangsobjekt an, wenn er die kreisrunden Augen durch Perlen,
Muscheln oder Münzen ersetzt und sie gleich Fundstücken in ein Sandrelief
einbettet. Oft lösen sich die Spielsteine aus ihren hergebrachten
Bezugssystemen und formieren sich zu surrealistischen Figurationen, gemahnen
an Zacken, Zähne oder Fische oder kriechen gleich futuristischen Insekten über
die Bildfläche. In seinen ausgreifenden Wandobjekten
konstruiert der Künstler rätselhafte technoide Mechanismen, die an veraltete
Produktionsmaschinen ebenso gut wie an Sputniks erinnern, ergänzt durch
Lampen oder aufmontierte Tastaturen, als wären sie wie von Geisterhand
programmiert und gesteuert. In einem Setzkasten-Objekt schließlich hat
Silvestrov Dominosteine unterschiedlicher Herkunft wie Schriftzeichen
archiviert. Sie begegnen uns wie ein Fundus beliebig kombinierbarer
semiotischer Minimalmodule, wie ein universales Alphabet. Artur
Wojtczak aus Polen schließlich, dessen Gemälde im Erdgeschoss der Villa
zu sehen sind, versetzt uns mit seinen märchenhaft entrückten Szenen
gleichfalls in archaische, zuweilen traumhafte Sphären. Seine Kompositionen
zeichnet eine ornamentale Grundstruktur aus, die inspiriert ist von der
Volks- und Stammeskunst des Orients. Oftmals begegnen wir einem polaren
Aufeinander-Bezogen-Sein von Mann und Frau, wobei die Figuren - in
unterschiedlichen Konstellationen - zu zeitlosen, stilisierten Urtypen
verkürzt sind. Es scheint sich um Könige, um Gottheiten oder engelsgleiche
Wesen zu handeln, um Ikonen, denen gehuldigt wird. Dominante Bewegungszüge
beleben die Szenerie: ein Fluss, eine Schleppe, ein Goldregen deuten eine
denkbare, abenteuerliche Geschichte an. Die
Figuren, manche mit bizarrem, subversiven Witz versehen, andere in
melancholisch-meditativer Attitüde, gehen bruchlos in ihrem phantastischen
und farbenprächtigen Landschaftsambiente auf - auch hier ein Eingebundensein
in kosmische Zusammenhänge. Bemerkenswert vor allem jenes Gemälde, in dem
am unteren Bildrand Männer zu zahllosen grimassierenden Phalli stilisiert
sind. Eng aneinandergedrängt, stützen sie wie in einer triumphalen Prozession
ein Schild, auf dem eine seltsam gespreizte Frauenfigur thront, eine
goldgeschmückte Prinzessin, die in der Zusammenfassung von Rumpf, Hals und
Kopf selbst an einen Phallus gemahnt. Ihr markantestes Attribut ist die die
scheinbar endlos lange, blutrote Schleppe, die bildauswärts auf den
Betrachter zielt. |
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