Im Mittelpunkt der Kunst von Christa Manz-Dewald aus Köln steht das sich selbst befragende Individuum,
stehen seine höchst subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen, denen die
Künstlerin im Sinne einer Spurensicherung visuelle Gestalt verleiht. Auf dem
massiven Büttenpapier entstehen aus der gestischen Tusche- und Aquarellmalerei
bildnerische Systeme, denen der Balanceakt zwischen innerem und äußerem
Erleben, zwischen Spontaneität und Reflexion eine immer neue Spannung verleiht.
Die Faszination, die von diesen
Werken ausgeht, speist sich maßgeblich aus der Empfindung einer unaufhörlichen,
zugleich rhythmischen wie universellen Bewegung, die weder Zweck noch Ziel
kennt, sondern sich als reine Ausdrucksbewegung entfaltet. Im Rahmen einer sehr
beschränkten, konzentrierten Farbpalette bringt die Künstlerin fließende
Energien zur Anschauung, die sich gleich einem kosmischen perpetuum
mobile miteinander verbinden und gegenseitig befruchten. Die Bilder mit ihren
fluktuierenden Farblagen erscheinen als lebendige Organismen, in denen das
atmosphärische Changieren des Lichts und vielschichtige Modulationen des Raumes
eine zentrale Rolle spielen. An der Kraft und Fülle der Bewegung haben noch die
kleinsten Farbpartikel aktiven Anteil: Im Sinne energetisch aufgeladener
Masseteilchen in wechselnden Aggregatzuständen veranschaulichen sie zyklische
Wachstums- und Erosionsprozesse.
Bezeichnend sind die
„kalligraphischen“ Impulse, die von der Begegnung mit den Schriftübungen der
asiatischen Kunst zeugen. Die übereinander gelagerten, transparenten
Farbschleier verbinden sich mit graphischen Elementen, die in ihrer formalen
und inhaltlichen Vieldeutigkeit jede rationale Schlüssigkeit der Darstellung
unterlaufen. Die Hierarchie von
Gegenstand und Umraum ist aufgehoben. Die Arbeiten
laden zur Einfühlung ein, zum Nachvollzug des Bewegungsstroms durch die
Versenkung in das abstrakte Bildornament. Diese Bildkosmen
wollen erlebt werden, individuell und
subjektiv nachvollzogen in ihrer Spannung und komplexen Rhythmik.
Der Zyklus von sieben Bildern, der
sich hier im Haus zur Serie zusammenschließt und im Treppenaufgang offen
endet (das letzte Blatt liegt frei auf
dem Bildträger auf und ist nicht gefasst durch ein Passepartout), eröffnet den
Dialog mit den im Obergeschoss präsentierten Arbeiten.
Für Platon Silvestrov aus der Ukraine, dessen
plastische Arbeiten bereits im letzten Jahr hier im Haus zu Gast waren, stellt
der Dominostein eine zentrale Inspirationsquelle und ein Grundmodul seiner
künstlerischen Arbeit dar. Er begreift den traditionsreichen, international
populären Spielstein als Symbol des spielerischen Austauschs und damit als
Sinnbild einer globalen Facette menschlicher Kultur.
Die Form des
Dominosteins leitet sich ab von der Grundform des auch als magisch zu
verstehenden Quadrats. Seine Augen bezeichnen Punktformationen, die okkulte
Summen versinnbildlichen und ins Kosmische oder Mystische weisen. Der Punkt ist
zugleich – künstlerisch betrachtet – Ausgangspunkt aller Formgenese: Der Punkt
erzeugt Linien, diese wiederum erzeugen Flächen und so fort.
Silvestrov lotet das Bedeutungspotenzial
dieses punktförmigen Spielauges in den unterschiedlichsten Zusammenhängen aus.
So können die silbrig schimmernden Domino-Schemen einer Landschaftsdarstellung
eine kosmische Dimension verleihen oder innerhalb einer abstrakten Komposition
ein ornamentales Lichtermeer entfalten.
Auch seinen
figürlichen Bildern liegt das Domino-Gefüge wie ein Strukturgerüst zugrunde. In
einer Heiligendarstellung, die in ihrer ornamentalen Strenge an byzantinische
Ikonen denken lässt, unterstreicht das Spielstein-Muster die sphärisch-sakrale
Ausstrahlung und wendet sie zugleich ins Abstrakte.
Auch in anderen Gemälden spiegelt
sich die Auseinandersetzung mit der russischen Volkskunst, mit dem leuchtenden
und prachtvollen Kolorit der Hinterglasmalerei, treffen wir auf Synthesen aus
Schmuckformen und märchenhaften Fabelwesen.
Beata Dziekońska-Jedwabny aus Polen zeigt Skulpturen aus einem ebenso
unkonventionellen wie exklusiven Werkstoff: Porzellan und gebranntes Steingut.
Die Künstlerin stammt aus Breslau und damit aus einer Region mit einer sehr langen
und reichen Tradition der Porzellanbearbeitung, viele berühmte Manufakturen
(etwa Waldenburg) hatten oder haben ihren Sitz im Umland von Breslau.
Zu der Fragilität des Materials, zum
delikaten Reiz ihrer Oberflächen treten die Formen der plastischen Objekte
jedoch in einen spannungsvollen Widerspruch: meistens liegt den Skulpturen eine
neutrale stereometrische Elementarform zugrunde, die jedoch gewaltsam durch
Risse, Einschnitte und Durchlöcherungen aufgebrochen wird. In anderen Arbeiten
wird die schmiegsame, vermeintlich so gefällige Masse des Steinguts oder
Porzellans zu eigentümlich aggressiven Formen modelliert und dem Basismodul wie
ein fantastischer Körperfortsatz aufappliziert.
Und damit nicht
genug: Oftmals wird dem Porzellankorpus ein ganzes Bündel von bedrohlich
zugespitzten, dynamisch gespannten Metallstangen implantiert. Diese technoide und martialische Dimension des Objekts tritt in
Spannung zur Schönheit und zum organischen Reichtum ihrer farbigen
Oberflächengestalt. Zuweilen färbt Beata Dziekońska-Jedwabny
den Porzellanteig mit Metallsalzen, etwa mit Kobalt ein, oder sie koloriert die
Keramikobjekte im Zuge von zahlreichen, im Ergebnis nur sehr schwer
berechenbaren Glasurbrand-Schritten. Aus diesen komplexen Glasur- und Brennvorgängen,
die ein wenig an Alchimie erinnern, gewinnt sie sowohl stumpfe als auch
funkelnde, zuweilen silbrig spiegelnde Farbwirkungen und verschafft den
Objekten mit ihren individuellen Pigmentverläufen eine je andere Plastizität.
Oftmals, so empfindet
es die Künstlerin, verlangt eine fertig gestellte Skulptur nach einem Pendant,
nach einem oder mehreren Partnern, und so ergeben sich Gruppierungen von
Objekten, die ein bestimmtes Thema variieren und die erst im formalen Dialog
miteinander zu ihrer letztgültigen Aussage gelangen.
Gleichfalls aus Breslau stammt Alexander Fleischer, dessen sog. „Strokegraphs“
das traditionsreiche Motiv des
menschlichen Akts in seltsam entwirklichte, surreal
anmutende Bildwelten übersetzt.
Der Künstler entwickelt einen eher
evokativen als abbildenden Begriff vom Körper. Die irritierenden Perspektiven,
die er dem vermeintlich sattsam bekannte Motiv des Akts abgewinnt, bewirken
eine phantasmagorische Synthese aus Leib und
Landschaft, eine den Raum allseitig erfüllende und vom leiblichen Empfinden
geprägte Existenzsphäre. Der Körper scheint den entgrenzten
Raum allseitig zu erfüllen, in ihm aufzugehen.
Es geht Alexander Fleischer um das
Aufbrechen eingefahrener Wahrnehmungs- und Orientierungsschemata, um die
Besinnung auf verborgene Handlungspotenziale und die Aktivierung eines sinnlich
bestimmten Erkenntnisvermögens.
In der Gemälde-Serie
„mondo cane“ findet sich in
der kleinen, schematisierten Figur eines Hundes der nucleus der Komposition, um den
herum sich jeweils ein sehr freies und expressives Farb- und Formenspiel
entfaltet. In der seriellen Anlage dieses Werkblocks werden immer neue
Variationen eines Themas formuliert, wobei die Referenz an die Formen der
sichtbaren Welt dem individuellen Empfinden des Betrachters anheim gestellt
ist. Der eigenwillige, irrationale Bildkosmos erscheint wie eine Analogie zur
Erlebnisperspektive des Tieres in seiner lebhaften und unreflektierten
Daseinsentfaltung.
.
Maxim Wakultschik aus Weißrussland reagiert mit seiner hier
gezeigten Arbeit ganz unmittelbar auf die vorgefundene räumliche Situation: er
zeigt Wandobjekte, deren Form und Dimension er aus dem Element eines
Rundfensters in seinem Ausstellungsraum im Obergeschoß ableitet und mit deren
Platzierung er auf den Rhythmus des Raumes eingeht.
Wakultschiks Arbeiten befassen sich mit Bild und
Bedeutung des menschlichen Antlitzes. Aus MDF-Platte
sägt er kreisrund konturierte Gesichtsschemen aus, in denen Positiv- und
Negativform holzschnittartig kontrastiert sind. Nur die äußere Oberfläche
dieser monumentalen Scheiben ist leuchtend farbig gefasst. Indem sie mit
Abstand zur Trägerwand installiert sind, wächst ihnen ein unfester, schwebender
und seltsam ortloser Charakter zu. Ihre materielle Präsenz verliert an
Greifbarkeit und Eindeutigkeit.
Hierin findet sich eine Parallele zu
der zweiten Werkgruppe, die der Künstler zeigt, eine Fotosequenz, die
gleichfalls in ortsbezogener Anordnung den Raum durchmisst. Wakultschik
hat eine Form der Fotobearbeitung entwickelt, die das gezeigte Porträt wie ein
Hologramm zwischen Fläche und Räumlichkeit changieren lässt. Die aus ihrem
Kontext gelösten Gesichter, mit tiefen Holzrahmen wie in einem Schaukasten
gefasst, scheinen aus dem Nebel heraufzutauchen oder wie hinter einer Membran
des Übergangs zwischen Innen und Außen aufzuleuchten. Dabei ist es interessant
zu wissen, dass es sich beim Panoptikum der Dargestellten um den
Professorenstab der Düsseldorfer Kunstakademie handelt, an der der Künstler
sein Studium absolvierte. Die Befindlichkeit und Situation der Personen, manche
nurmehr wie Schemen aus einer fernen Erinnerung
aufscheinend, bleibt im Ungewissen.
Durch die äußerliche Angleichung der
Gesichter und durch Wakultschiks spezifisches
bildnerisches Verfahren klingt in diesen Schaukästen auch die Idee einer
„Urperson“ und damit eine Dimension vorbewusster, anonymer Existenz des
Menschen an.
So konfrontiert der Künstler uns mit
Werken, die den Zusammenhang von Bild
und Abbild ausloten. Er gibt uns
bestimmte Personen zu sehen, enthält uns ihre Erkundung mittels eigenleiblicher
Orientierungsmuster aber vor. Indem er eine Räumlichkeit projiziert, der wir
selbst nicht einwohnen und die wir nicht nachvollziehen können, unterläuft er
die Korrespondenz unserer Sinne.
Johanna Faßbender aus Köln zeigt verschiedene
Zeichnungen aus der Werkgruppe der „blinden Akte“. Blind nennt sie diese Darstellungen, weil der Blick während des
Zeichnens niemals das Papier berührt, sondern vielmehr ununterbrochen beim
Modell bleibt. So geht es nicht um ein „naturgetreues“, kontrolliertes
Abbilden, sondern um die Transformation des Gesehenen in eine höchst subjektive
bildliche Entsprechung, um die Übertragung des Wahrgenommenen in einen
umfassenderen Existenzzusammenhang. Die Spuren der Ölkreide oder des
Kohlestifts sind nicht in erster Linie gegenstandsbezeichnend,
sondern vor allem ausrucksvolle, vom Betrachter nachzuvollziehende
Niederschläge ihrer Empfindungsbewegungen im Schaffensakt. Jede Zeichnung
gleicht so einem Experiment mit ungewissem Ausgang.
In den
Aktdarstellungen mit ihren suggestiven Rhythmen und expressiv deformieren
Körperproportionen verleiht die Künstlerin einem meditativ gewonnenen Begriff
vom Menschen sichtbare Existenz. Ein archaischer, überzeitlicher Charakter,
eine Erinnerung an prähistorische Höhlenzeichnungen wachsen der Darstellung zu.
Zuweilen scheint es, als würde die
Künstlerin die abstrakte Linie (ähnlich wie einstmals Paul Klee) in Parallele
zum lebendigen Individuum setzen. Die weitschweifig schwingenden Linien zeitigen
Formen, die sich auch als Bewegungsspuren und Wegmarken des Menschen, seines
Körpers ebenso wie seiner Seele oder seines Geistes begreifen lassen.
Johanna Fassbender problematisiert
mit dieser Vorgehensweise des „Blind-Zeichnens“ einer Person auch die Ambivalenz
ihrer Realität und bildlichen Repräsentierbarkeit: Der Figur als von außen betrachtbares
Körperobjekt, als Träger von Ausdrucksgehalten steht sinnfällig der „mediale“
Leib mit seinen subjektiven Erfahrungskriterien und innerlich gespürten
Regungen gegenüber.
Weder „Mensch“ noch „Welt“ sind
unabhängig voneinander erfahrbar; erst in und aufgrund der unabgeschlossenen
Begegnung beider, im zirkelhaften und unaufhörlichen
Austausch kann sich Sinn konstituieren.
In ihren Ölgemälden nähert sich die
Künstlerin der letztgültigen Bildgestalt in tastenden Schritten, im zumeist
mehrfach wieder aufgenommenen Arbeitsprozess. Das kompositionelle
Schema liegt nicht im Vornherein fest, sondern stellt sich erst mit dem Vollzug
des Malens ein. In den fast brachialen Gesten des Farbauftrags und
Farbabkratzens manifestiert sich ein unmissverständlich körperlich bestimmter
Schaffensdrang. Den Eindruck von spannungsgeladener Bewegung befördert auch die
von Johanna Fassbender gewählte Palette. Oft steigert ein unterschiedlich
intensives Rot als prominenteste Buntfarbe die expressive Wucht des
Formgefüges. Ebenso wie der gesamte Gestaltungsvorgang eine eigene,
unberechenbare Dynamik gewinnt, verselbständigt sich der sinnlich-haptische
Reiz der Farbsubstanz.
Wiederum kommt der Leib als Träger
und Vermittler seelisch-subjektiver Empfindungen zur Geltung, als Schaltpunkt
zwischen materieller Welt und subjektiver Sphäre, als Medium rauschhafter
Ekstase wie zielorientierter Konzentration.
Dr. Kathrin Elvers-Švamberk, Kunsthistorikerin,
Köln