Coincidence. Katarzyna Haber und David Janacek im Ignis - Ausstellungseröffnung, 6. Mai 2005
Herzlich willkommen zur Sommerausstellung im Ignis, die uns dieses Mal mit zwei sehr verschiedenen künstlerischen
Positionen bekannt macht: den Computergrafiken der Polin Katarzyna
Haber und den Fotografien und Zeichnungen des in Prag geborenen David Janacek.
Katarzyna Haber, geboren 1973 in Warschau, ist
studierte Kunsthistorikerin und Grafikerin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt
auf den Bereichen Illustration und Werbegrafik,
und ihr Medium ist der Computer, genauer gesagt das professionelle Programm
„Illustrator“, mit dessen Hilfe sie ihre an Comic Strips und Cartoons
erinnernde Bildentwürfe – man kann schon sagen: generiert. Auf den ersten Blick
lassen diese Bilder vermuten, es handele
sich um Siebdrucke bzw. Serigrafien, was vor allem an den monochromen
Farbflächen liegt, aus denen ihre Kompositionen und Figuren aufgebaut sind:
große farbige Partien, die in sich keinerlei Nuancierungen aufweisen und
kontrastreich aneinander grenzen. Die Farbpalette ist zumeist auf wenige Töne
reduziert, was die klare optische Wirkung dieser großformatigen Blätter noch
unterstreicht. Doch der Siebdruck als Medium der Gebrauchsgrafik ist heute mehr
und mehr den Produkten des Computers gewichen, welcher sich, mit seinem schier
unbegrenzten Vorrat an sogenannten „Features“, also
vorgefertigten Bildelementen, für die Arbeit im Bereich der Werbung und
Plakatkunst besser eignet. Manchmal, aber eher selten, verwendet Katarzyna Haber auch eigene Fotografien als Ausgangspunkte
ihrer Bilder. Ihr Arbeitsgerät ist die Maus, und bei den Resultaten handelt es
sich um normale Computerausdrucke.
Katarzyna Haber verläßt
sich ganz auf den vom Rechner angebotenen Bilderfundus - und auf ihre eigene
Phantasie, die es ihr erlaubt, aus einfachen vorfabrizierte
Elementen ausgefallene Entwürfe zu entwickeln. So kommt es vor, daß wir ein und demselben Motiv auch mehrfach, in verschiedenen
inhaltlichen Kontexten begegnen. Dieses künstlerische Verfahren – ebenso wie
manche der Ergebnisse – erinnert automatisch an die Werke der amerikanischen
und britischen Pop art, die ja bereits in den 50er Jahren damit begannen,
Werbung und bildende Kunst einander anzunähern. Erinnert sei daran, daß z.B. auch Andy Warhol Werbegrafiker war, bevor er sich
der Malerei zuwandte. Doch schon Jahrzehnte vor den Pop-Künstlern brachten die
Vertreter des Art Deco der zwanziger und dreißiger Jahre sehr innovative
Lösungen auf dem Gebiet der Werbe- und Plakatkunst hervor. Kein Wunder, daß Katarzyna Haber sich gerne
und mit Vorliebe an den kühl-eleganten Bildentwürfen der Art Deco Künstler erfreut
und dies in ihren eigenen Werken auch keineswegs verhehlt.
Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei ihren hier im Ignis gezeigten Werken um Auftragsarbeiten, die vornehmlich
im Rahmen ihrer Arbeit für ein polnisches Frauenmagazin geschaffen wurden. Der
Weg der Bildentstehung setzt an bei der inhaltlichen Erfassung des jeweiligen
Themas: ob es sich nun um einen Artikel über Jeansmode, Schwangerschaft oder
Psychotherapie handelt - oder auch um kommerzielle Werbe-Entwürfe für Handys
oder Tütensuppen – Katarzyna Haber muß auf alles gefaßt sein. Ihre
Bildideen stammen zumeist aus dem Alltagsbereich, wie etwa die Reklame für
Telekommunikation, die sie in einem Frisiersalon ansiedelt, oder als genrehafte Straßenszene.
Zumeist gelingt es der Künstlerin, dank ihrer ausgeprägten
Assoziationsgabe, zum geforderten Thema das passende Bild zu erfinden: einen Beitrag
über Jeansmode illustrierte sie mit drei puppenhaften, gertenschlanken
Modelfiguren, die, wie oft in ihrer Arbeit, gesichtslos und anonym vor uns
stehen. Und hätte man ein Themenheft über „Schlangen“ wohl prägnantr
auf den Bild-Punkt bringen können als mit dem legendären Haupt der Medusa?
Manchmal jedoch werden diese Ideen zuweilen so übersteigert, daß sie eher wie Szenen aus Märchen oder Phantastischen
Filmen wirken. Und tatsächlich läßt sich Katarzyna Haber zuweilen von solchen Erzählungen
inspirieren. So stand für die Arbeit „Witch“ (Hexe)
das moderne Großstadtmärchen vom „Meister und Margarita“ des russischen
Dichters Michail Bulgakow Pate.
Manchmal wiederum ist das vorgegebene Stichwort so abstrakt, daß sich keine unmittelbare Umsetzung anbietet. Einmal
sollte sie z.B. den Begriff des „Absurden“ illustrieren, und sie griff nach
langer Überlegung zu einer möglichst unlogischen, surrealen Collage aus verschiedenen
Motivelementen: Ein Gesicht, das von einem Reißverschluß
zerteilt und in kontrastierende Bestandteile zerlegt wird, dazu, bewußt völlig unmotiviert, ein Aquarium mit Goldfischen.
Daß die Künstlerin über eine gute
Portion Humor verfügt, zeigt sie auch und gerade in denjenigen Bildern, die sie
nach eigenen Ideen, ohne Aufträge, schuf: Zu ihren Lieblingsmotiven zählt hier
ein aggressiver Bullterrier, den sie ironischerweise mit politischen Symbolen
- z.B. dem Peace-Zeichen
aus den 60er Jahren - dekorierte, das dem bösartigen Kampfhund die Erscheinung
eines Wolfs im Schafspelz verleiht. Die auf knalliges Rot, Schwarz und Weiß
reduzierte Farbigkeit erinnert an die politischen Propagandaplakate der 20er
Jahre – denn für die Kunsthistorikerin Katarzyna
Haber ist die Bilderwelt der Kunstgeschichte ebenso wie die Motivpalette aus dem
Computer ein unbegrenzter Fundus für ihren eigenen gestalterischen Ideenreichtum.
Hunde sind auch das zentrale Motiv der hier ausgestellten
Arbeiten des tschechischen Künstlers David Janacek, der seit 1993 in Köln lebt
und arbeitet. Von Hause aus ist er gelernter Fotograf, doch die Beschränkung
auf dieses Medium ist seine Sache nicht. Seit einigen Jahren hat auch er sein
technisches Spektrum durch den Computer erweitert, und sich, z. B. mit Hilfe
des Scanners, an ungewöhnliche Bildentwürfe herangewagt: Einige von Ihnen
werden sich an Janaceks Ausstellung 2002 hier im Ignis
erinnern, wo er aus einer Scheibe Mortadella per Scanner eine Art Tapetenmuster
entwarf, das eine komplette Wand mit fleischig-rosiger Struktur überzog.
Seine letzte große Raumarbeit realisierte Janacek am neuen
Polizeipräsidium in Köln Kalk. Doch die Zeiten sind leider vorbei, als es für
solche durchaus kostspieligen Installationen noch öffentliche Gelder gab, und
so hat sich der Künstler dieses Mal entschlossen, kleinere Werke zu zeigen: Er
entschied sich für eine Reihe älterer Fotografien, kombiniert mit neuen Landschaftszeichnungen.
Janacek interessiert an der Fotografie nichts so wenig wie
der dokumentarische Aspekt. Statt dessen geht es ihm
um die Herausarbeitung von spezifischen Stimmungen und Atmosphären eines
fotografischen Motivs. 1994, kurz nach seinem Umzug nach Köln, unternahm er zusammen
mit seinem Freund, einem Schauspieler, ausgedehnte Spaziergänge durch die
Kölner Parks und fotografierte dabei immer wieder freilaufende, umhertollende
Hunde. Und zwar nicht, weil ihm diese Tiere so sehr am Herzen liegen, sondern
im Gegenteil: eigentlich ging es eher um eine Art fotografische Aufarbeitung
seiner eigenen Hundephobie. Der ebenso aufschlußreiche
wie zynische Titel der Arbeit verweist aber noch auf einen anderen autobiografischen
Umstand, nämlich seine Ex-Ehe: „Wenn ich einen Hund heirate, wird dann meine
Frau mein bester Freund sein?“ fragte sich Janacek damals, 1994. Eine Antwort
hält die Arbeit zwar nicht bereit, dafür aber zahlreiche Porträts von Kölner
Hunden, die gar nicht so unsympathisch wirken, wie man es von einem Hundehasser
erwarten könnte. Mitten dazwischen, wie zum Beweis der persönlichen Beteiligung,
befindet sich auch ein Selbstporträt des Künstlers mit seinem Freund. Alle
diese Fotos sind schwarz-weiß, Janacek wollte damit bewußt
einen Akzent setzen gegen den Glanz der Farben seiner ebenfalls damals entstandenen
Bilderreihe „Insalata Mista“:
Hochglanz-Fotos von ganz gewöhnlichem Gemüse, die dieses wie buntschillernde, skulptural anmutende
Objekte wirken ließen. Unspektakulär und beiläufig begegnen uns hingegen diese
Hundefotos, eher wie Schnappschüsse denn wie geplante Aufnahmen. Dabei fehlt
auch in dieser Inszenierung nicht die Farbe, aber sie gehört den begleitenden
Zeichnungen an, die inmitten des fotografischen Rückblicks ein aktuelles Licht
auf Janaceks Kunst werfen. Sie sind relativ neu, und es handelt sich um
veritable Landschaftszeichnungen. Noch vor einigen Jahren hätte man annehmen
können, etwas so Traditionelles wie die Landschaftsmalerei sei aus der zeitgenössischen Kunst weitgehend
verschwunden; neuerdings aber kehrt die Landschaft allerorten in das ikonographische Repertoire der Künstler zurück, so auch bei
Janacek, dessen Landschaftszeichnungen sparsam und zurückhaltend sind. Jede
Zeichnung konzentriert sich auf nur eine Farbe, die mit klarer, aber reduzierter
Zeichensprache einen Naturausschnitt beschreibt: Winterallee, Winterwald –
schon die Jahreszeit der Entstehung wirkt sich verknappend auf das dargestellte
Ambiente aus, das denn auch formal denkbar vereinfacht erscheint: das
Grundmodul dieser Zeichnungen ist die leicht gewellte Linie, die
seismographisch die Bewegung der Hand aufzeichnet und in sich zugleich, quasi
naturgesetzlich, das Wachstum und Werden alles Seienden birgt und
versinnbildlicht. Auch noch den kargen Winterlandschaften haucht die
Wellenlinie Lebenskraft ein. Sie ist fähig, dem annähernd abstrakten Bildgeschehen
eine Dynamik zu verleihen, die in manchen Zeichnungen zu einer echten Räumlichkeit
anwächst. Diese Zeichnungen schienen im winterlichen Raum zu schweben zwischen
abstraktem Zeichen und einem durch reale Landschaft inspirierten Naturgefühl.
Und auch die Fotografien sind, genau betrachtet, keine
präzisen Darstellungen von klar bestimmbaren Motiven, sondern, aufgrund ihrer bewußt gewählten Unschärfe, offen für die Projektionen des
betrachtenden Subjekts, das sich hier in den verschwommenen Zwischenräumen
gedanklich einnisten kann. Diese Offenheit entspricht generell Janaceks letztlich
konzeptionellen Haltung, die im Prinzip alle verfügbaren
Techniken und Medien verspielt und kreativ zu nutzen und miteinander zu
kombinieren versteht. Neben Fotografie, Malerei und Zeichnung gehören auch
Rauminstallation, Film und Video zu seinem künstlerischen Repertoire: Janacek
surft durch die Welt der inneren und äußeren Bilder, stets auf der Suche nach
neuen Ausdrucksformen - und doch ohne sich je an die eine oder andere
Arbeitsweise zu binden. Immer stehen seine eigenen Ideen und deren Umsetzung im
Mittelpunkt der Arbeit - wie immer witzig, selbstironisch und originell. Und
stets darf man bei ihm auf Überraschungen und verblüffende Wendungen gefaßt sein – und sei es auch mal, wie in der aktuellen Ausstellung,
eine Wendung um zehn Jahre zurück zu den Anfängen in Köln.
Viel Spaß und einen schönen
Abend…
Dr. Sabine Schütz