Meine sehr
verehrten Damen und Herren,
Liebe
Ignis-Freunde, liebe Freunde der Kunst.
Ich werde mich kurz fassen,
aber jetzt gerade habe ich mehrfach Grund zur Freude und das will ich Ihnen
nicht verschweigen.
Ich freue mich sehr, dass Sie
den Weg hierher nicht gescheut haben und dass ich Sie begrüßen darf. Ich grüße
Sie herzlichst.
Es ist erfreulich, dass alle
Künstler der Ausstellung, die ihre Arbeiten heute zeigen, auch sich persönlich
heute zeigen. Und zwar vollzählig. Alle fünf sind hier und offen für Ihre
Fragen. Also nutzen Sie die Situation und fragen Sie erbarmungslos. Nur zu!
Und ich bin froh, dass es uns
gelungen ist, heute diese Ausstellung zu präsentieren. Wir werden, hoffe ich,
alle einer Meinung sein: die Ausstellung ist interessant, vielfältig und schön.
Ja,
schön. Seit einiger Zeit darf man wieder
auch Schönheit in der bildenden Kunst suchen und, wie sich hier zeigt, finden.
Ästhetische Erwägungen gelten
wieder.
Das sieht man noch bevor man die Tür der
Villa erreicht hat. Im Garten um das Haus stehen Skulpturen von Michael
Pohlmann. Er hat nie Abschied von den ästhetischen Werten genommen. Er arbeitet in der Tradition der klassischen
Moderne, seine Vorbilder: sind Arp, Henry Moore, Isama Noguchi, um nur einige
zu nennen.
Und für die war die Form, vollendete
Form, das wichtigste. Er hat sich dem Stein verschrieben und das Material gibt
seinen Skulpturen eine Gewichtigkeit, Massivität. Man spürt sie und das zwingt
zu einer Ausgewogenheit, auch wenn die Formen sich dynamisch und in Spannung
einander gegenüber stehen.
Er hat immer so gearbeitet, auch wenn man
die Sorgfalt um die schöne Form als
nicht zeitgemäß erklärt hat. Und er hat den Moden und Trends zum Trotz auch
viel Anerkennung geerntet. Hier und manchmal weit weg von hier. Er hat seine
großen Skulpturen gern in der Naturlandschaft und in der Verbindung mit
Architektur gestellt.
Das spektakulärste Beispiel bildet seine
meditative Skulpturinstallation im japanischen Fugimi Kogen, eine Art Tempel
der Ruhe mit Blick auf den heiligen Berg Fuji San. Diese Anlage wurde dort
sofort akzeptiert und dient den Menschen auch heute. Ein Paar Fotos an der Wand
im Eingangsbereich dokumentieren diese Realisationen.
Michael Pohlmann betont immer, dass ihn
die Theorien über die Kunst wenig interessieren, er will nur Formen schaffen,
die Emotionen wecken und die man nur als solche nehmen soll.
In dem Treppenhaus und im Flur oben hat
Waldemar Grażewicz seine Arbeiten platziert. Er nennt sie Objekte. Das ist
eine schlichte Bezeichnung. Ohne Hinweise, wie man diese Gegenstände aufnehmen,
ihnen begegnen soll. Alles kann eigentlich ein Objekt sein. Das ist keine
Hilfe.
Manchmal sind es Fotos, manchmal Kästchen
oder gefüllte Briefumschläge...
Manchmal, aber seltener, werden diese Dinge als Einzelexponate
präsentiert. Manchmal in unterschiedlich großen Gruppen von multiplizierten
Gegenständen. Mal sind es große Apparate, mal kleine und zierliche. Eins haben
sie alle gemeinsam: sie sind sorgfältig und handwerklich sauber gemacht. Perfekt.
Und viele Leute haben Schwierigkeiten mit diesen Objekten.
Ich assoziiere Arbeiten von Waldemar Grażewicz
immer mit dem Theater und nicht etwa deshalb, weil er auch Bühnenbildner ist -
Seine Präsentationen stellen für mich immer eine Inszenierung dar. Er
inszeniert seine Objekte. Jedes Mal neu für konkrete Begebenheiten, für eine
neue Ausstellungswirklichkeit.
Die
Objekte bauen ein Bühnenbild und haben etwas von Requisiten, die auf der Bühne
erst ihre geheimnisvolle Bedeutung noch einmal definieren. Diese Objekte, die
präzise und liebevoll hergestellt sind, wie die Requisite aus einer guten Theaterwerkstatt,
bilden einen Raum, eine Bühne, auf der sich etwas abspielt -selbständig, oder
mit den Betrachtern als Akteuren. Alles, was sich abspielt ist aber
verschlüsselt. Man muss versuchen sich einen Dietrich zu machen, ohne die
Bestätigung, dass man richtig liegt. Man ahnt etwas ohne sich sicher zu sein.
Diese Vorgehensweise weckt eher Gefühle als die trockene Logik auf den Plan
ruft.
Wenn man ein Gespräch über diese Arbeiten
hört, fallen am häufigsten Wörter wie: Ehrlichkeit und noch öfter
Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Wiederholbarkeit und so weiter... Das sind oft
die endgültigen Dinge, letzte Endthemen, die wichtige, schwierige Fragen über
menschliche Konditionen stellen, womit sich diese Arbeiten befassen. Hinter
diesen Gegenständen stehen jedoch immer Menschen, einzelne Schicksale, ihre Geschichten.
Wir können sie nicht entschlüsseln, aber wir können sie spüren. Grażewicz
zeigt sie nie direkt. Perfiderweise zeigt er sie versteckt in einer
Menschenmasse, wo alle gleich erscheinen, oder stellvertretend durch gleiche,
multiplizierte Gegenstände wie Gräber, Postfächer, Säckchen, Listen und
Nummern. Die Masse, die anonymisierte Masse, in der einzelne Gesichtszüge
verwischt, unwichtig sind... Die Wiederholbarkeit, Austauschbarkeit des
Einzelnen in der Großen Zahl ist meistens das Thema. Und trotzdem sind diese
Arbeiten still, vornehm zurückhaltend. Keine Schreie. Hier beunruhigt die Ruhe
selbst. Aber keine Angst - Diese
Arbeiten befassen sich auch mit anderen Themen der heutigen Zeit und machen das
oft mit Humor, mit einer Art von Humor, die keine explosionsartigen Gelächter
hervorruft, sondern ein nachdenkliches Lächeln.
Im Raum rechts vom Korridor zeigt Jiří Nečas seine Arbeiten. Doktor der
Sprachwissenschaften Jiří Nečas, was in diesem Fall eine
Bedeutung hat, wie ich meine. Seine schwarz-weißen Zeichnungen präsentieren
eine rein graphische Denkweise, die sich in dem
Zeichnungen manifestiert. Und eine Wissenschaftlich geprägte
Vorgehensweise in der Entstehung solcher Arbeiten. Alles entsteht detailliert
im Kopf des Künstlers, die Denkprozesse bestimmen die Regel, die
Beschränkungen, die für die Ausführung der Zeichnungen eine fast absolute
Gültigkeit haben. Mit anderen Worten: die semantische Fragestellung ist der Form übergeordnet.
Die Form entwickelt sich mit der vorschreitenden
Arbeit. Hier ist das nicht der Fall. Die Frage des Verhältnisses zwischen dem
Gezeichneten und nicht Gezeichneten wird erst als Idee, als Plan vollständig
gelöst und dann wird sie präzise ausgeführt. Planmäßig: von links nach rechts,
von oben nach unten. Für Spontaneität
bleibt hier nur sehr wenig Platz.
Rechts von dem Eingang werden neun
dunkle Zeichnungen gezeigt. Sie bilden zusammen die Arbeit Lo Shu 1 aus einem
von vielen Zyklen, die sich mit dem magischen Quadrat Lo Shu befassen. Lo Shu
stammt aus altchinesicher Tradition und besteht aus neun Zahlen, in drei Reihen
je drei Zahlen. Die, in verschiedene Richtungen addierten Zahlen, ergeben immer
das gleiche Ergebnis und es soll auch noch andere magische Eigenschaften
beinhalten.
Die Bilder sind in verschiedene Zahlen von
Flächen geteilt, nicht eindeutlich getrennt, mit Zwischentönen, aber immer den
Zahlen des Lo Shu gewidmet und
zugeordnet.
Weitere Einzelheiten sind in der
Information an der Wand zu lesen und der
Künstler kann sie selbst erklären. Fragen Sie ihn.
In dem anderen Raum im ersten Stock zeigt
Nikolai Dneprov seine sehr bunten Bildern. Das sind sehr ungewöhnliche und
nicht ganz ernst gemeinte Explosionen von Farben. Sie entstanden nämlich
eigentlich nebenbei und teilweise zufällig. Die präsentierten Glasplatten
dienten erst als Malpalleten, auf denen man Farben mischt beim Malen von Bildern.
Zufällige Farbflecke entstehen auf den Paletten, die man gewöhnlich wegwirft. Nikolai
Dneprov hat die Paletten nicht weggeworfen, sondern aus Spaß, spielerisch das, oder jenes korrigiert, ein bisschen
geändert. Daraus entstanden diese bunten Spielzeuge.
Und so machte er die Vor - und -
Urgeschichte der bildenden Kunst nach. In diesem Spiel hat sich etwas Unerwartetes
ereignet.
Das Phänomen der Mimikry bewirkt, dass
ganz harmlose Tiere, die ähnlich den gefährlichen aussehen, von ihren Feinden
nicht angegriffen werden. Ein Schmetterling mit zwei symmetrisch platzierten
großen Flecken macht den Eindruck die Augen eines versteckten, großen Tieres zu
sein. Ein Täuschungsmanöver eben, aber es wirkt.
Wir Menschen lassen uns auch täuschen. In
das, was wir sehen, projizieren wir uns schon bekannte, eingeprägte Gestallten,
Formen, Fragmente. Wie viele Sachen kann man im Wölkchenspiel entdecken?
Und man hat in der Gestallt eines Felsens,
Baumes und so weiter irgendetwas gesehen und vielleicht als heilig, oder Tabu
erklärt. Und irgendjemand, hat ein bisschen daran gearbeitet um die vorhandene
Ähnlichkeit zu unterstreichen, zu verbessern.
Man kann bei diesen Bildern, darüber
nachdenken, wie wir die Welt und die Kunst betrachten. Und das ist ein schönes
Thema.
Und in diesem Raum stellt sich Emil Bartłomiejczak
aus. Er ist Maler, er hat auch den Studenten an der Kunstakademie in Wrocław
das Malen beigebracht, den Schwerpunkt seiner Ausstellung machen
Bleistiftszeichnungen. Und auf sie möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken.
Es ist mir so wichtig, weil mir die
Zeichnungen wichtig scheinen. Es sind Zeichnungen von Bäumen. Bäume hat man
schon immer gezeichnet und gemalt. Selten kann man etwas finden, was mehr mit
Symbolen beladen ist als Baum: Baum der Erkenntnis, Lebensbaum, Baum Achse des
Universums, Baum mit Wurzeln in der Erde und der Krone im Himmel als Verbindung
zwischen dem menschlichen und göttlichen, man pflanzt einen Baum, wenn ein Kind
geboren wird, wir kennen heilige Bäume, heilige Heine, wir haben den
Weihnachtsbaum und so weiter und so fort. In allen Kulturen, außer bei den
Bewohnern des Polarkreises, hat der Baum eine zentrale Position.
Der Baum wurde auch deshalb immer und
immer wieder gemalt. Natürlich wird der Baum meistens als Teil der Landschaft
dargestellt. Majestätisch thronend in der Mitte oder einsam im Winde im Sturm,
oder als Bezeichnung eines wichtigen Ortes. Über Kulturgeschichte und Ikonographie des Baumes könnten wir
beinahe bis in die Ewigkeit reden. Warum finde ich diese Zeichnungen
interessant?
Die sind doch ein bisschen anders. Sie
zeigen immer nur ein Fragment des Baumstammes. Ein Fragment - das ist schon
seltener. Man zeigt ein Fragment des Baumes, wenn dieser eine bizarre Gestallt
hat, an etwas erinnert. Oder einen Stamm als Überrest eines stolzen Baumes.
Und die Bilder hier zeigen einen
Teil des Stammes, wie unter der Lupe oder Mikroskop. Ausgeschnitten aus dem
normalen Sehfeld werden sie scharf, wie mit einem Seziermesser gezeichnet. Der
Baum wird seiner gewohnten Rolle beraubt. Und wir tragen unser Kulturgepäck mit
uns und wollen immer das gewohnte, das erwartete sehen. Hier geht das nicht.
Aber die Stämme bleiben, auch wenn in
Fragmente zerteilt, immer noch aktiv, aggressiv, lebendig. Die Zeichnugsweise
lässt sie, trotz der Makroaufnahmeähnlichen Betrachtensweise, ein Teil des
Geheimnisses bewahren.
Und mit diesem optimistischen Akzent
wünsche ich Ihnen einen gelungenen Abend mit der bildenden Kunst und dann mit
Musik. Sehen Sie sich die Präsentationen an und genießen Sie den Abend weiter
mit Musik. Ich danke Ihnen.
Köln,
4. November 2005
Janusz Pac-Pomarnacki