Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE II/2007 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 4. Mai 2007

 

 

                           Meine sehr verehrten Damen und Herren,

                           liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

     es ist wieder so weit und ich freue mich Sie bei der Ausstellungs-

eröffnung in der Villa IGNIS begrüßen zu dürfen. Es ist schön, dass

Sie den Weg hierher gefunden haben, trotz der Wetterverlockungen,

die eher in das Freie rufen. Ich grüße Sie herzlichst und bin sicher,

dass Sie nicht um sonst gekommen sind. Denn wir haben eine sehr

bemerkenswerte Ausstellung für Sie vorbereitet.

 

     Wir zeigen Ihnen zwei Künstler, die sehr verschieden sind und

nicht zu vergleichen und doch, obwohl natürlich auf denkbar

unterschiedlichster Weise, dieselbe Tendenz  unserer Zeit

dokumentieren und repräsentieren.

 

     Das kann ein Bisschen verwirrend klingen, deshalb erkläre ich

gleich, wie ich das meine: Man kann sagen, dass die Entwicklung

in der Kultur im allgemeinem und besonders in der Kunst wie ein Mäander,

oder eine Sinuskurve in einem Diagramm verläuft. Mal nach links,

weiter aber nach rechts, wieder nach links, um weiter nach rechts

zu verlaufen, auf und ab Mal im steten Wechsel, auf einer Achse

der Zeit. Diese Regelmäßigkeit kann man unter vielen Aspekten finden.

Das betrifft auch das Verhältnis zu der Ratio, dem Vernunft.

 

     Wir kennen Epochen, die unter der Ägide des klaren Verstandes

standen, wie Renaissance oder Aufklärung und Perioden in denen man

die Vorzüge der Rationalität infrage stellte, höher die Intuition als das

Denken einschätzte. Ich glaube, wir leben in einem Zeitabschnitt, den

man als neu-neu-neu-romantisch bezeichnen kann. Und ich glaube,

beide heutigen Künstler bezeugen das, wenn man ihre Arbeiten näher

betrachtet.

 

     Hier, links von Ihnen sehen Sie Objekte von Klaus Winterfeld.

Klaus ist anwesend und bereit mit Ihnen über seine Arbeiten zu

sprechen und Ihre eventuelle Fragen zu beantworten.

 

     Farbenfrohe Objekte, von der auf der Wand üblichen Form des

Vierecks, Kreises oder Ovale befreit, machen den Eindruck

Exponaten eines Museums für Völkerkunde zu sein. Totempfähle,

geheime Zeichen eines Stammvolkes, rätselhafte Botschaften der

Wildbeutern… Das ist die erste Assoziation, aber kein Ethnologe   

könnte etwas damit anfangen. Es gibt keinen Stamm, der diese

Zeichensprache versteht, es gab auch keiner, denn es gibt solche

Sprache nicht. Es handelt sich um ein Produkt einer Fantasie, die sich

eine neue, von irgendwelchen Einflüssen, oder Regeln unabhängige,

persönliche Welt schafft. Eine völlig autonome, fantasievolle Welt

von Dingen, die uns nur vorgaukeln zu einer Kultur zu gehören und

ein Objekt des wissenschaftlichen Interesses zu sein.

Und wir lassen uns täuschen. Wir können uns leicht die Rituale

vorstellen, die zur Trommelklängen vollzogen werden und wo diese

Requisiten ihre Funktionen ausüben. Nun, das ist aber unwirklich.

 

     „Unwirklich“ ist die Bedeutung des Begriffs „Romantik“ schon

seit ihrer Anfängen. Weitere Beschreibungen des Begriffs: „eine zum

Gefühlvollen, Wunderbaren, Märchenhaften und Phantastischen

neigende Weltauffassung und Darstellung“ erklärt der Brockhaus.

„Eine antirationale Begegnung mit der Kunst,  freie Subjektivität des

Geistes, sinn für das Individuelle, Vorliebe für eine offene, nicht

geschlossene Form“… das alles zeichnet, unter anderem, die große,

europäische Bewegung am Ende des achtzehntes Jahrhunderts und

ihrer Nachfolger aus.

 

     Sind wir heute nicht nahe dran?

Wir werden doch von Fernsehproduktionen der Gattung Fantasy

nahezu überflutet. Großes Misstrauen gegenüber dem Verstand lässt

uns auch in der Kunst oft irgendeinen Sinn schmerzhaft vermissen,

denn es ist manchmal der einziger Wert des Werkes, dass er keinen

Sinn hat. Nur so kann er als Protest gegen die etablierten, logischen

Werte gelten.

 

     Ach unserer Alltag lehnt oft Logik und Sinn ab und demonstriert 

das voller Stolz. Ein Schild an der Baseballmütze soll die Augen des

Trägers vor der Sonne und Regen schützen. In einer anderen Position

als über der Stirn, verliert der Schirm seine Funktion und jeglichen

Sinn. Und wir zeigen modebewusst, dass wir auf den Vernunft und

alle anderen bestehenden Werte Pfeifen. Ist das nicht überwiegend

herrschende, heutige Weltanschauung?

 

     Wir haben kein Vertrauen mehr in die Menschheit und ihre kluge,

rationale Wissenschaft. Fundamentale Axiome sind perdu. Es gibt

nichts, was nicht schon mal gesund, dann giftig, unentbehrlich,

schädlich und wieder lebensnotwenig war. Die heiligen Wahrheiten

entpuppen sich als Propaganda und Manipulation. Wir haben kein

Vertrauen mehr. Deshalb bauen wir uns unsere Oasen, unsere Welten,

die Unsergleichen ansprechen.

 

     Rechts von Ihnen zeigt seine Fotos Henryk Zajonz. Er ist auch

anwesend und bereit über seine Arbeiten zu reden.  

Vielleicht fragt sich jemand, was das bis jetzt gesagte mit diesen

Fotos zu tun hat. Für Objekte kann das vielleicht stimmen, aber für

die Fotografie? Es gibt viele solche Fotogramme, wo sich der

Fotograf als Schatten verewigt hat. Manchmal ist der Schatten lang,

manchmal kurz, nach oben, unten, links oder rechts gezogen, aber in

jedem Kunstmuseum findet man das, sogar bei den Pionieren der

Fotografie. Wozu das noch mal zeigen? Und was hat das mit

romantischer Weltauffassung und Position zu tun? Ich glaube viel.

 

     Henryk Zajonz schreibt über seine Arbeit mit Licht: „Ich spreche

gerne vom Realisieren eines Fotos. Ich mache damit also etwas real,

genauer gesagt – hyperreal, integriere mich mit dem Hintergrund

dazu, inszeniere mich in der Realität, bleibe selber im Verborgenen

unsichtbar, denn ich fotografiere nicht mich selbst, sondern das, was

ich vor meinen Augen finde, und trete so ein in das Geschehen vor

mir als Schatten. In dieser Weise entstehen meine Fotos“.

Ende des Zitats.

                                                      

     Das könnte doch von Caspar David Friedrich stammen, wäre hier

nicht die Rede von Fotos. Der bekannteste deutsche Romantiker unter

Malern und Zeichnern hat viele Bilder von Landschaften hinterlassen,

auf denen eine Person von hinten zu sehen ist, die die Landschaft

betrachtet. Wir sehen die Landschaft über ihre Schultern. Das bewirkt,

dass wir mit ihren Augen die Landschaft sehen wollen und, vor allem,

dass wir dieser Person besondere Bedeutung beimessen.

 

     In dieser scheinbar normalen Landschftsmalerei mit Staffage

beobachten wir eigentlich den geheimnisvollen Beobachter, dessen

Identität für uns im Verborgenen bleibt, obwohl er die zentrale Rolle

im Bild spielt.

 

     Man hört oft: „der Künstler untersucht das oder jenes“ und sehr oft

ist diese Aussage missbraucht oder missverstanden. Der Künstler ist

kein Wissenschaftler, obwohl er oft so tut, als ob. Er wartet nicht

ungeduldig auf die Ergebnisse seiner Studie, die sind ihm und seinen

Zuschauern nicht von Bedeutung. Wichtig ist nur die Tatsache, dass

der Künstler etwas erforscht, dass er das tut. Die Tätigkeit ist das

Thema. Und die kann auch sehr geheimnisvoll sein.

 

     Darauf projizieren wir unsere Vorstellungen von geheimen

Laboratorien, vollen von alchimistischer Ingredienzien und

Fachchinesischem, das man sowieso nicht verstehen kann. In der

Rolle eines Zeremoniemeisters, Priesters, Schamanen wird der

Künstler ein Vermittler zwischen den Zuschauern und dem

faszinierenden, im Nebel nur schemenhaft erkennbaren

Forschungsobjekt, das nur erhaben und pathetisch seien kann,

obwohl es auf den ersten Blick ganz profan und belanglos aussieht.

 

     Das ist nur die Fassade. Hinter die zu schauen ist ein Privileg der

Auserwählten. In diesem Sinne untersuchen Caspar David Friedrich

und Stefan Zajonz Landschaften und Flächen. Und Klaus Winterfeld 

studiert weiter die edle Urunschuld der Menschheit in den

Geheimnisvollen Tropen und sammelt, vermutlich auf abenteuerliche

Weise, deren farbenfrohe Artefakte.

 

     Ich hoffe, ich habe Ihnen ein Bisschen Gesprächsthemen für einen

Dialog mit den Werken mit dieser Einleitung geliefert.

Die Künstler sind da und werden sich nicht zurückziehen können –

alle Fluchtwege werden überwacht. Fragen Sie sie, nutzen Sie die

Gelegenheit. Fragen Sie unbarmherzig.

 

     Die heutige Vernissage wird von einem Konzert bereichert.

Ab etwa halb zehn Uhr spielt hier das Alexander Sobocinski Quartett.

     Genießen Sie die Kunst, genießen Sie die Musik!

Das Ende der Veranstaltung ist, wie immer, offen.

Ich danke Ihnen.

 

Janusz Pac-Pomarnacki