Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE I/2009 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 6. März 2009

 

 

                       Meine sehr verehrten Damen und Herren,

                        liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

      es ist wieder so weit. Die Tage werden länger, wir sind aus dem schweren,

erstarrten Winterschlaf erwacht, unsere Sinne sind ausgehungert und wir

brauchen sofort etwas Interessantes zu sehen und zu hören.

     Jawohl, hier sind Sie  gerade richtig. Wir haben eine sehr interessante

Ausstellung und Performance für Sie vorbereitet und Interessantes zu hören

haben wir auch für sie. Weil Sie heute im IGNIS erschienen sind, haben Sie

bewiesen, dass Ihre wohlgeformten Nasen die richtigen Riecher erster Größe

sind. Deshalb freue ich mich besonders, dass ich Sie wieder bei der ersten

Ausstellungseröffnung im diesem Jahr begrüßen darf.

Ich Grüße Sie, wie immer herzlichst.

 

     Bestimmt haben Sie schon gesehen, dass vor der Villa keine Skulpturen,

zu sehen sind, trotz  Ankündigungen, dass sich dort Skulpturen von Agata

Agatowska zu befinden haben. Im letzten Moment sind gerade die Skulpturen,

die wir für diese Ausstellung ausgewählt haben, unverhofft verkauft worden und

es war schon zu spät andere geeignete zu finden. Wir haben uns entschieden

keine Skulpturen zu zeigen, anstatt Ihnen irgendwelche ersatzweise zu

präsentieren.

   Natürlich  ist es schade, dass wir Ihnen die ausgewählten Skulpturen nicht

zeigen können, aber uns bleibt nicht anderes übrig, als uns mit der Künstlerin

zu freuen, denn wir glauben, dass jedes Mal, wenn sich die Menschen Kunst

anschaffen, unsere Welt ein Stückchen bewohnbarer wird. Und außerdem

rekompensieren die Sachen, die wir hier sehen den Verlust der Skulpturen

vollkommen.

 

 

 

     Links von Ihnen haben wir Bilder von Marcela Böhm und sie selbst

haben wir auch hier. Meine Damen und Herren: Marcela Böhm.

 

     Marcela Böhm ist eine Chronistin des Alltags. Sie dokumentiert all das, was

eigentlich nicht spektakulär ist, eher banal. Typische Ereignisse eines normales

Menschenlebens: Hochzeiten,  andere Feste…  Standardsituationen eines

Menschen und seiner Freunde oder  Familienangehörigen wie das Essen,

zusammen mit anderen oder  allein, Zähneputzen… Alles offensichtlich

uninteressant, also nichts was es sich lohnen würde zu verewigen.

Das geht uns doch überhaupt nicht an.

 

     Wenn ich mir diese Bilder anschaue, kommen mir unweigerlich  die Folter

von den ehemaligen Diaabenden direkt nach der Urlaubszeit in den Sinn. Bilder

einer satter, selbstsicherer und selbstzufriedener Gesellschaft.

     Bilder des Gastgebers alleine, mit der Frau, mit den Kindern, dem Hund. Er

vor dem Boot, im Boot, hinter dem Boot, vor dem Essen, bei dem Essen, noch

Mal beim Nachtisch, nach dem Essen und so weiter, und so fort.

     Ich sehe, Sie kennen das, Sie wissen, was ich meine. Jetzt sind Dias aus

der Mode, aber die Digitalen Fotos machen das auf dem Bildschirm auch.

 

     Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Erinnerungsfotos

von Menschen, die mir nah und sympathisch sind. Und wenn  es nicht zu viele

Fotos auf einmal sind, ist alles O.K. Mir geht um das Bild, das die Menschen

über sich selbst haben und weiter kreieren. Und um die Selbstverständlichkeit,

mit der jedes Ungeschick, jede Peinlichkeit prompt und stolz präsentiert wird.

Es scheint, dass die Menschen, mindestens die des Westens, jegliche Kriterien

verloren haben, was vorzeigbar wäre und was nicht.

     Es scheint die Regel zu herrschen: alles was mich betrifft, ist es wert erzählt

und gezeigt zu werden. Man hat sich völlig akzeptiert, auch mit allen Macken,

die jetzt die eigene Eigenartigkeit mitbilden.

„Entschuldigt, ich weiß, dass ich mich schrecklich verspätet habe, aber ich bin

eben immer so unpünktlich.“ Man hat früher versucht sich zu ändern, besser

zu werden, jetzt kann man mit Unvollkommenheiten kokettieren und niemanden

wird das wundern.

 

     Marcela Böhm wiederholt in ihren Bildern das, was millionenfach tagtäglich

geknipst wird. Und sie macht es mit boshaften Absichten, eiskalt und steril, wie

auf einem Seziertisch.  Beraubt  der familiär-freundschaftlichen Atmosphäre

werden diese Motive nicht mehr harmlos. Sie malt ihre Motive ohne

Schönheitsfiltern und ihr Blick ist scharf, sehr scharf. Sie karikiert, sie spitzt

alles noch zu. Frühere freudige Schnappschüsse entblößen die Realität

gnadenlos. Die Menschen an diesen Bildern wirken, als ob sie auf frischer Tat

ertappt wären. Obwohl sie nichts Böses oder Verbotenes machen, ist es ihnen

und auch mir etwas peinlich. Mir -  der Augenzeuge zu sein.

 

     Sie sind aber auch mit einer ästhetischen Sorgfalt gemalt. Die Motive Dieser

Bilder sind wie Seifenblasen, oder die potemkinsche Dörfer: schillernde Hüllen,

schöne Fassaden und dahinter nichts.

     Die Menschen spielen nur  immer und immer wieder dieselbe leere Rituale

durch. Dahinter ist nichts, volle Inhaltslosigkeit. Nein, diese Bilder sind mir nicht

egal, sie gehen mich etwas an, obwohl ich die Leute nicht kenne.

Aber ich kenne solche Leute.

 

 

 

 

     Rechts von Ihnen die Objektkasten von Reinhard Henning und ihn selber

haben wir auch da… Meine Damen und Herren: Reinhard Henning

höchstpersönlich bei uns.

 

     Es ist schwer seine Arbeiten zu analisieren, sie einzuordnen. Denn was ist

Das eigentlich? Spielzeuge, Fragmente von undefinierten Gegenständen,

scheinbar zufällig zusammengewürfelt, als ob  jemand gerade  wieder Ordnung

in einem Kinderzimmer gemacht hat und die überflüssige, oder störende

Chaoselemente in einem Kasten entsorgen möchte.

 

     Einen Sinn, oder eine Botschaft kann man nur vergeblich suchen. Es gibt

keine richtige Lösung, die zu erraten wäre.  Das ist  eine oneiroide Poetik, also

eine unbegreifliche Logik des Traumes. Etwas, was vom Unterbewusstsein

kommt. Also müssten wir diese Arbeiten als Surrealismus begreifen, der eben

durch die unbewusste Traumpoetik  das Werk von allen Zwängen (Logik und

Sinn inbegriffen) zu befreien suchte. Und diese Feststellung stimmt, aber die

eiserne Konsequenz der Regeln der Darstellung in allen diesen Kästchen, baut

eine völlig einheitliche, kann man sagen „disziplinierte“ Welt auf - mit eigenen

Zwängen und Konsequenzen.

 

     Die Regeln dieser Welt sind uns weitgehend verborgen, aber sie existieren

und sind uns trotzt aller unseren Unwissenheit irgendwie vertraut. In dieser, oder

ähnlicher Welt waren wir schon Mal. Irgendwann, vor langer Zeit, aber ganz

bestimmt. Denn was sollen diese hässlichen Puppen, diese krüppelhafte

Gestallten, diese Spielzeugungeheuer, die genauso lächerlich, wie bedrohlich

seien können? Wozu diese groteske Inszenierung?

     Natürlich werden einige verständnislos und irritiert, oder gar beleidigt von

diesen Arbeiten stehen. Sie sind weder sinnvoll, noch schön.  Muss man

vielleicht über eine besondere Sensibilität oder Ausbildung verfügen?

Ich glaube nicht.

     Alle diese Szenen entspringen der Realität eines Alptraumes. Und zwar des

Alptraumes eines Kindes. In seiner Realität vermischen sich das Geträumte und

der Wachzustand, sie verfließen ineinander, überlappen sich. Als Kind sieht man

die Welt nicht als Ganzheit von selbstverständlichen Regeln und vorhersehbaren

Wechselbeziehungen. Man nimmt nur Fragmente wahr, die in geheimen,

undurchdringlichen Abhängigkeiten gegeneinander stehen und „alles“ jederzeit

auch „alles andere“ werden kann.

 

     Um solche Sachen machen zu können, muss man ein Kind in sich finden und

wecken. Ein Kind, das mit großen vor Aufregung Augen, in voller Unschuld und

unbegrenzter Faszination das Geschehen in sich aufnimmt, mit allem Heldentum

und Lächerlichkeit, Verheißungen und Drohungen gleichermaßen.

Ich glaube, man braucht keine besondere Sensibilität um daran teilzunehmen,

man braucht nur die Bereitschaft  sich in den Aufnahmezustand des Kindes 

zurückzuversetzen.

 

     Ich weiß, nicht jedem wird das auf Anhieb gelingen, aber es lohnt sich allemal

es zu versuchen. Schauen Sie hinein in die Kästen, lassen Sie die Kästen auf

Sie wirken, lassen Sie sich treiben.

 

 

 

 

     Meine Damen und Herren, alle ausgestellten Exponate kann man käuflich

erwerben. Wie Sie wissen, nehmen wir keine gebühren oder Provisionen und

das kann sich natürlich in Preisen widerspiegeln. Also nutzen Sie diese

Gelegenheit, vielleicht wiederholt sie sich nicht mehr und kaufen Sie.

 

     Nehmen Sie auch die Gelegenheit wahr, dass die Künstler anwesend sind.

Sie können uns nicht entkommen, weil sie von uns umzingelt sind. Fragen Sie

sie also unbarmherzig, gnadenlos aus. Sie werden antworten müssen und sie

werden das gerne tun. Sie werden sich sogar freuen – die Künstler sind

manchmal so und das ist, glaube ich, unheilbar.

 

     Als musikalische Umrahmung der heutigen Vernissage  wird hier

Rhythmus-Slalom von Trommel-Gruppe Wahntastisch, Caco und

Trommel-Tänzerinnen vorgestellt. Das wird später stattfinden und jetzt gleich

führen Caco und Udo Hanten die frappierend betitelte Performance „Durchblick,

ja und nein“ vor. Die Performance-Künstler können Sie auch befragen.

 

     Also erfreuen Sie sich der Performance, fragen Sie die Künstler aus, kaufen

Sie sich die Kästen und die Bildern, genießen Sie die Kunst und die Musik und

das alles ohne Eile, denn das Ende der Veranstaltung ist, wie immer offen.

 

     Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki