Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE III/2009 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 4. September 2009

 

 

                       Meine sehr verehrten Damen und Herren,

                        liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

     ich glaube, wir haben schon genug vom Sommer in diesem Sommer gehabt

und jetzt brauchen wir etwas anderes, jetzt möchten wir uns nicht mehr unter der Melanome spendender Sonne sonnigen, sondern im Lichte der Kunst, wir möchten unbedingt etwas Interessantes, Aufregendes sehen, wir möchten was Gutes zu hören bekommen. Wenn diese Vermutung stimmt, sind Sie hier heute gerade richtig,

meine Damen und Herren.

      Wir haben eine  interessante Ausstellung für Sie vorbereitet. In voller Bescheidenheit kann ich sagen, dass es uns gelungen ist zwei frappierende Künstler für diese Ausstellung zu gewinnen. Und deshalb bin ich froh, dass ich die Ehre und Freude habe, Sie wieder in IGNIS begrüßen zu dürfen. Ich grüße Sie, wie immer, herzlichst.

 

     Erlauben Sie mir bitte ein Paar, Bemerkungen zu der Ausstellung und ich verspreche, ich werde mich, wie immer, kurz zu fassen.

 

     Rechts von Ihnen sehen wir Arbeiten von Ursula Knorr und sie selbst ist heute

auch zu sehen. Hier ist Sie. Meine Damen und Herren: Ursula Knorr. Die echte, unverfälschte Ursula Knorr!

 

     Ursula Knorr malt viel und verschiedenartige Sachen. Für die heutige Ausstellung haben wir eine Serie für Sie ausgewählt, die sich mit einer Gestallt  des Fächers, oder, besser gesagt, einer flachen Figur beschäftigt, die wir als Fächer deuten können. Aber diese Serie kann man als repräsentativ für Ihr ganzes Schaffen betrachten.

 

     Sie beschreibt immer eine eigene Welt, eine Welt, die sehr geschlossen ist

und erstaunlich kohärent. Es ist eine als feminin empfundene, mädchenhafte Welt,

die sich in einem antiken, aber schon seit langem zerfallenem, verwildertem und verschlafenem Garten befindet, der wahrscheinlich nicht real existiert.

     Aber seine Eigenschaften sind ganz präzise bestimmt. Es wird nichts außer Kanon dieser Eigenschaften erscheinen können.

     Wozu auch? Es wuchert sowieso ungebremst in dem Garten. Die pflanzlichen Motive haben schon lange die Oberhand gewonnen und die meisten Spuren von menschlicher Kultur unter sich überdeckt. Nur selten sind antike Artefakten zu erkennen.

 

     Es ist dicht geworden und es passiert wahnsinnig viel auf diesen Bildern. Botanische Motive überhäufen sich, verdrängen sich gegenseitig. Es gibt keinen Punkt, wo sich das Auge ausruhen könnte. Alles ist überfüllt, auch der Hintergrund drängt nach vorne, um sich zu präsentieren. Und das alles so bunt, fast unerträglich bunt.

     Manchmal so, als ob man mit einer Lupe die Bilder von Pointyllisten betrachten sollte, die die ganze Fläche ihrer Arbeiten mit kleinen, bunten Pünktchen bedeckten, die von weitem nicht als Pünktchen zu erkennen sind, sondern als Gruppen die endgültigen Farben auf den Bildern geben.

 

     Die antiken Anspielungen auf mit Farben überladenen Bildern. Das erinnert mich doch an etwas. Ich sehe, dass manche von Ihnen sich auch erinnern können. Ja, vor anderthalb Jahren haben wir hier Arbeiten von Norbert Küpper gezeigt.

     Den haben wir heute auch hier und  wir grüßen ihn herzlich – Meine Damen

und Herren: Norbert Küpper! Sei gegrüßt! 

 

     Jetzt aber müssen wir hier eine gewisse, verblüffende, sogar enge Verwandtschaft feststellen. Das ist doch seltsam, nicht Wahr? Vielleicht kann bei des Rätsels Lösung die Tatsache von Bedeutung sein, dass sie alle beide verheiratet sind. Und nicht nur so im Allgemeinen, das passiert doch  vielen, sondern miteinander. Sie benutzen

das gemeinsame Atelier und inspirieren sich gegenseitig. Und das ist hier zu spüren.

 

    Die Kühnheit so viel auf ein Mal auf das Bild zu bringen und das heute, wo wir ständig und überall von Überfluss von Informationen attackiert werden… Und der Mut zur Farbigkeit, wenn um uns herum die schillernden Farben aggressiv ins Auge springen… Das haben doch die beiden. Seine Arbeiten sind maskulin, stark, progressiv…

    Die Welt von Ursula Knorr besteht ausschließlich aus schönen, ästhetischen Sachen: Natur, Blumen, Reste von antiken Medaillons oder Reliefs, und in Materialien -  Stoff aufgeklebt auf Papier… Das alles  lässt etwas mädchenhaftes, sehr romantisches, beinahe paradiesisches anmuten. Alles liebevoll bearbeitet.    

 

     Aber ist  diese Welt wirklich so harmlos, nett und friedlich? Ich glaube, dass ich auch eine latente Bedrohung hinter der Oberfläche dieser frohen Bilder, in ihrer Üppigkeit  lauern sehe. Eine potenziell kreative, eroberungssüchtige und zerstörerische Kraft in dieser heilen Welt.

     Als ob der Garten Eden nur auf eine günstige Gelegenheit wartet um ein Dschungel zu werden. Und diese Ambivalenz, diese teuflische Aussage, die zwei gegensätzliche Vorstellungen gleichzeitig behauptet, macht für mich diese Bilder umso interessanter.

 

 

 

     Links von Ihnen Bilder von Coşkun Demirok und ihren Schöpfer haben wir auch hier. Meine Damen und Herren Coşkun Demirok in Original und in voller Größe!  Coşkun Demirok!

 

     Aus vielen seinen aktuellen Bildern haben wir für Sie eine Serie, die siebenteilige Serie mit dem schlauen Titel „Türkis“ gewählt. Natürlich dominiert diese Farbe, wie man sieht, die Bilder. Aber die Serie  bietet noch weitere zwei Vorteile: Erstens kann sie als repräsentativ für sein ganzes, heutiges Schafen gelten.

     Und zweitens: der Titel erlaub mir, dank einer delikater Anspielung, die bestimmt  niemand verstehen kann, seine türkische Abstammung nicht zu erwähnen. Dieses Geheimnis werde ich Ihnen nicht verraten. So wird der Künstler noch geheimnisvoller und ich kann später diese Information gegen Bezahlung preisgeben.

                                                    

     In Gegensatz zur Ursula Knorr hat Coşkun Demirok einen genau in gegen gesetzte Richtung  führenden Weg in seiner Entwicklung genommen. Er häuft  nichts, er reduziert. Aus Gestalten, Flächen, Umrissen sind allmählich nur  die Linien alleine übrig geblieben.

 

     Die Linie allein -  als Thema, Motiv und auch als einziger,  malerischer Ausdrucksmittel. Mathematisch gesehen ist die Linie ein abstraktes, eindimensionales Gebilde. Und eine gerade Linie ist dieses abstrakte Gebilde,

wenn sie durch zwei Punkte auf dem kürzesten Weg durchläuft und von beiden Seiten unbegrenzt ist.

 

     Also keine Strecke oder Strahl, sondern etwas, was keinen Anfang und kein Ende hat und vor allem auch keine Maße, keine Größe, also folglich auch keine Breite.  

     Nur -  solche Linie kann man sich ausdenken, man kann sie sich nicht bildlich vorstellen. Das geht nicht. Um sich die Linie mindestens ein Bisschen vorstellen

zu können, müssen wir ihr etwas Materie, feste Substanz geben. Dann ist sie dünn, schmal, dick, lang, kurz, stark, oder schwach… Erst dann hat sie welche Eigenschaften, erst dann fängt sie an für uns wirklich zu existieren.

 

     Auf seinen Bildern sehen wir konkrete Linien. Sie unterscheiden sich deutlich voneinander. Man kann jede einzeln beschreiben, wie in einem Steckbrief. Die

sind zu eigenständigen Existenzen geworden.

     Und trotzdem bleiben sie für  uns  nicht greifbar. Sie sind für uns, wie ein Kondensstreifen hinter einem Jet – nur eine Spur, die sich bald verflüchtigt. Das,

was wir zu sehen gehofft haben, ist schon lange nicht mehr hier. Wir folgern nur aus den Spuren, dass es hier war.

 

      Meine Damen und Herren, einige Tausende von Wissenschaftler aus der ganzen Welt warten auf Fertigstellung eines riesigen Beschleunigers von subatomaren Teilchen, der zurzeit in der Schweiz gebaut wird. Dort hoffen sie,  unter anderem, verschiedene unvorstellbar kleine Partikel der Materie nachweisen, oder entdecken zu können.

 

     Die unvorstellbar kleinen Teilchen werden mit unvorstellbar großer Geschwindigkeit, in unvorstellbar kleinen  Zeitfenstern aufeinanderprallen und die Spuren ihrer Kollisionen hinterlassen. Dabei werden große Mengen Energie frei.

 

     Diese Parallele entsteht unweigerlich bei mir, wenn ich diese Bilder betrachte.

In einem Zeitfenster des Bildes, vor einem sterilen Hintergrund, dass leer, wie ein Vakuum ist, verlaufen Linien: zerkratzte, angerissene, zerschrammte Linien, die

aus der Unendlichkeit kommend in Unendlichkeit eilen.

 

     Die Bilder sind Energiebeladen, dynamisch, explosiv, wie Dynamit, oder wie gespaltene Atome.

     Natürlich möglich sind auch andere Assoziationen: Man kann hier zum Beispiel fantastische Gerüste sehen, oder Entwürfe einer  unmöglichen Architektur, oder

man will überhaupt nichts assoziieren, sondern nur die Spannung zwischen den

Linien betrachten.

 

     Aber diese nur vorübergehend gezähmte, dynamische Kraft wird bleiben. Sie

ist immanent in diesen Bildern vorhanden.

 

     Man baut mit großem Aufwand riesige Maschinen und Forschungsanlagen um immer kleinere Fragmente der Wirklichkeit zu sezieren. Dabei entdeckt man immer mehr von unerwarteten, oder auch erhofften Energien mit allen ihren Verheißungen und Gefahren.   

 

     Coşkun Demirok reduziert, reduziert Gestalten, Flächen, Formen und Farben,

es wird immer weniger auf seinen Arbeiten, aber so laden sich seine Bilder auf.  

 

     Ich glaube, er berührt in uns eine Stelle, wo wir unsere, inzwischen schon archetypische, Vorstellungen von solchen Situationen gespeichert haben. Sie sind

nur normalerweise uns nicht bewusst.  Erst bei betrachten solchen Bildern lässt

die angeregte Resonanz uns etwas davon spüren. Spüren Sie Das auch?

 

 

     Meine Damen und Herren. Es gibt keinen besseren Weg etwas Autorisiertes

über die Bilder zu erfahren, als die Künstler direkt zu fragen. Die beiden Künstler

sind hier. Sie sind unter uns und das bedeutet auch, das sie von uns umzingelt

sind, wehrlos. Sie werden alle Ihre eventuellen Fragen beantworten müssen.

 

    Nehmen Sie die Gelegenheit wahr und fragen Sie sie gnadenlos, unbarmherzig aus. Ich bin sicher, sie werden nichts dagegen haben.

 

     Meine Damen und Herren, alle ausgestellten Exponate kann man käuflich erwerben. Wie Sie wissen, nehmen wir keine Provisionen, oder Gebühren und

das kann sich bekanntlich in Preisen widerspiegeln. Also greifen Sie zu – billiger

wird es nie mehr.

 

     Später, als Umrahmung der heutigen Vernissage spielt hier für Sie

 The Blair Witch Project“.

     Das Ende der Veranstaltung ist wie immer offen. Also genießen Sie die Kunst

und die Musik, befragen Sie die Künstler, kaufen Sie Bilder und amüsieren Sie

sich gut.

 

    

     Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki