Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE IV/2009 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 6. November 2009

 

 

                       Meine sehr verehrten Damen und Herren,

                        liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

     heute beweisen Sie zum vierten Mal in diesem Jahr, dass Sie immer

nur das Richtige, das Beste aus der breiten Palette der Möglichkeiten

für den heutigen Abend in Köln auswählen. Es lohnt sich einfach

heute hier zu sein. Wir haben eine sehr interessante Ausstellung für

Sie vorbereitet. Sie bekommen Arbeiten von drei faszinierenden

Künstlern zu sehen, außerdem werden Kurzfilme von Studenten der

berühmten Filmhochschule aus Lodz gezeigt, also reichlich fürs  

Auge, aber auch zu hören bekommen wir was Interessantes.

     Aus all diesen Gründen freue ich mich besonders, dass ich sie

heute bei der vierten Ausstellungseröffnung dieses Jahres aus der

Reihe „Coincydence“ hier in IGNIS begrüßen darf. Ich grüße sie,

wie immer herzlichst. Lassen Sie mir bitte ein Paar  Bemerkungen

zu der Ausstellung machen. Ich werde mich kurz fassen. Versprochen.

 

     Rechts von Ihnen sehen wir Bilder von Wieslawa Stachel und sie

selbst sehen wir  hier. Meine Damen und Herren: Wieslawa Stachel,

die einzige, echte Wieslawa Stachel.

 

     Sie hat schon vor  einigen Jahren ihre Bilder in IGNIS gezeigt.

Die, die sich daran erinnern,  werden bestätigen, dass Sie sich treu 

geblieben ist. Ihre Prinzipien haben sich nicht geändert. Sie malt

weiter Strukturen, die sich aus wiederholbaren, oder fast gleichen

Elementen zusammensetzen.

 

     Diese scheinbar einfachen Konstruktionen sind sorgfältig geplant

und Präzise ausgeführt. Hier gibt es keinen Platz für Spontaneität,

was für die ganze geometrische Abstraktion charakteristisch ist, sie

aber baut immer Störrungen, Verwirrungen in das Bild ein. Die

entstehen natürlich auch nicht spontan, die sind präzise einkalkuliert,

obwohl sie in einem intuitiv geleiteten Prozess zu einem Bild

zusammenwachsen. Und diese Sprünge und Verwerfungen verfehlen

ihre Ziele nicht – sie sorgen für Spannung und Unruhe – der

Rhythmus des Bildes wirkt gestört. Die Rhythmik dieser Partituren

wird kurz erschüttert.

                                                      

     Ja. Der Rhythmus – das ist das Schlüsselwort für diese Malerei.

Es geht um Rhythmus. Natürlich nicht nur. Es ist eine Wisualisierung

des Hörbaren. Die Farben deuten nicht nur auf Klang, sie sind auch in

ihrer Ästhetischen Funktion auf dem Bild aktiv. Aber es geht vor

allem um Rhythmen. 

 

    Rhythmus bedeutet das Leben. Ohne Pulsationen von Flüssigkeiten,

ohne den Pulsschlag in unseren Adern wäre alles tot. Der Puls ist das

Zeichen des Lebens – aber auch der Geschwindigkeit, in der alles lebt,

ändert, bewegt sich. Und wir sind auf diese Botschaften, Botschaften

des Rhythmus besonders sensibel eingestellt. Wir spüren den

Rhythmus, seine Wiederholbarkeit, Unvermeidlichkeit.

 

     Wir sind ständig von unzähligen Rhythmischen Reizen attackiert.

Das Leben um uns herum pulsiert, der Straßenverkehr pulsiert und

fast ununterbrochen begleitet uns überall und meist  aggressiv die

Musik.   

 

     Stellen Sie sich vor wie das akustische Leben  vor der industrieller

Revolution ausgesehen hat. Stille. Es gibt kein rhythmisches Rattern

eines Zuges, kein Geklapper der Maschinen und die Musik sehr selten.

Meist von der Kirche - die Glocken und natürlich die Orgel. Sonst nur

bei großen Festen, beim Hochzeit oder Begräbnis.  Im Alltag gibt es

nichts dergleichen. Stille – etwas, was wir schon fast vollständig

vergessen haben.

 

     Nur Geräusche der Natur. Ab und zu Getrampel eines Pferdes

oder im Herbst die rhythmischen Bewegungen der Sensen bei der

Ernte. Für die Städter des 21-ten Jahrhunderts unvorstellbar.

Rhythmen gehören endgültig zu unserer Umwelt, wir können nicht

anders. Und Wieslawa Stachel notiert die Rhythmen, oder besser

gesagt, dokumentiert unseres Verhältnis zu diesen Rhythmen.

Nicht nur, aber das vor allem.

 

 

     Links von Ihnen haben wir Fotos von Wolfgang Zurborn. Und ihn

selbst haben wir auch hier. Meine Damen und Herren: Wolfgang

Zurborn höchstpersönlich und in voller Größe!

 

     Wolfgang Zurborn in Köln vorzustellen  scheint mir eigentlich eine

reine Zeitverschwendung zu sein. So etwas wie jemanden überzeugen

zu wollen, dass Kreml in Moskau und Kölner Dom am Rhein zu

finden sind. Jeder von uns hat schon seine Arbeit gesehen. Wer nicht,

der war in letzten zwei und zwanzig Jahren nicht in dieser Stadt.

     An der U-Bahn Haltestelle unter dem Neumarkt findet man zwei

Fotowände, zwei große Fotocollagen, die er mit dem Stefan Worring

im Jahre 1987  installiert hat. Und wer kennt sie nicht?

 

     Er ist sehr vielfältig in seiner Arbeiten und wir können hier nur

einen sehr kleinen Ausschnitt zeigen, aber diese Fotos kann man als

repräsentativ für ihn bezeichnet. Er porträtierte zum Beispiel Städte,

machte Theaterfotografie, konzipierte Fotobücher, laute Sachen, die

nur feste Regel dulden, keine freien Äußerungen. Und trotzdem findet

er immer wieder die Wege, die seine Art einer fotografischer

Wahrnehmung präsentieren. Natürlich in einer völlig freien,

künstlerischen Arbeit wird das noch deutlicher. Und auch in Collagen

– er setzt gerne ein Paar Fotos überraschend  zu einem Bild  

zusammen.

 

     Wolfgang Zurborn fotografiert Fragmente der Wirklichkeit

 – das machen doch alle, anders geht es überhaupt nicht!

 

     Es gibt viele, die glauben, dass die einzige Bedingung Künstler

zu werden ist eine Kamera und ein unerschütterliches

Selbstbewusstsein zu besitzen. Und es geht dabei um etwas ganz

anderes.

     Ein Künstler IST ein sensibles  Instrument, ein empfänglicher

Fühler, der irgendetwas entdeckt und den anderen vorzeigt, mit einem

unverwechselbaren Stempel seiner Persönlichkeit. Und es ist dabei 

egal ob das in einerabstrakten Realität der gegenstandlosen Begriffen,

in einer fiktiven Welt der Märchen, oder in der nahe, greifbarer

Umgebung stattfindet. Es ist dabei auch egal, welche Werkzeuge,

welche Mittel er dafür verwendet.

 

     Unsere rasende Gegenwart überschüttet uns mit allen möglichen

Reizen. Wir haben jedoch keine Zeit zu verlieren, die wahrzunehmen,

sie zu verdauen ist uns unmöglich. Wir schenken keiner einzigen

Sache unsere volle Aufmerksamkeit, wir sind in Eile. Am Ende haben

wir eine homogene Pampe von Eindrücke, in der alle Eindrücke

gleichmäßig durchgemischt wurden.

 

     Nehmen wir die Reise. Wir reisen doch eifrig, gern und schnell.

In einigen Stunden können wir andere Kontinente, weit entfernte Orte

erreichen. Und was bedeutet uns dann diese „Reise“?

 

     Als Johan Wolfgang von Goethe mit einer Kutsche nach Italien

fuhr, führte er auf dem Weg unzählige Gespräche mit sehr, sehr

vielen Menschen und er konnte seine Eindrücke niederschreiben.

Was können wir sagen, was ist zwischen dem einem und dem anderen

Flughafen geschehen. Wenn da noch keine Turbulenzen waren, haben

wir gar keine Reiseerinnerungen, nur ein Loch im Gedächtnis.

 

     Wolfgang Zurborn sieht interessante, nachdenklich stimmende,

oder einfach lustige Fragmente, eine  überraschende Nachbarschaft,

ungewöhnliche  Zusammensetzung von Elementen der Realität.

    Wir sind an schnellen Strom von Bildern, die rasant um uns fließen  

gewöhnt und stolpern plötzlich über seine Fotos. Wir müssen anhalten.

Das ist etwas Seltenes und wertvolles, weil nicht alles um uns herum

gleich ist, was gerne und oft vergessen wird.

 

     Ich weiß, dass er mit seinem Reinschauen, seinem kreativen Sehen

seine Studenten erfolgreich ansteckt. Damit darf er nicht aufhören.

Wir werden immer solche Stolperbilder  brauchen.

 

 

     Meine Damen und Herren, bestimmt haben Sie draußen drei

Skulpturen von Helen Efe Doghor-Hütter gesehen und sie selbst

sehen wir hier. Meine Damen und Herren: Helen Efe Doghor-Hütter

höchstpersönlich bei uns in IGNIS. Die Helen Efe Doghor-Hütter

selbst.

 

     Sie ist auf vielen Feldern künstlerisch aktiv. Sie malt, macht

Skulpturen und Installationen. Für die heutige Ausstellung haben wir

zwei Zoomorphische Gestalten ausgewählt. Sie heißen Odokos.

Diese drei Ungeheuer lauern auf den Wänden der Villa.

 

     Sie lauern nicht auf uns. Sie lauern auf unsere Feinde, auf ein

schleichendes Unglück, auf drohende Gefahr. Sie werden uns gegen

alle Widrigkeiten des Lebens verteidigen.  Sie beschützen uns.

 

     Sie heißen Odoko und in der Sprache Urhobo  bedeutet das Wort 

Echse.  Die Fantasie der Künstlerin ließ sie so gewaltig wachsen.

Normaleweise sind die Odokos nicht so riesig. Sie leben auf Mauern

 und Wänden und ernähren sich von Insekten, von Schädlingen. Die

Legenden und der Volksglaube sehen in diesen Echsen nicht nur

einen Verbündeten des Menschen, sondern erklären sie zum

Beschützer, einen Schutzpatron der Menschen.

 

   Sie könnten schnell sein, wenn es seien müsste, aber man assoziiert

sie mit einer Bewegungslosigkeit. Sie brauchen keine Bewegungen,

keinen Wechsel. Sie sind etwas festes, unerschütterliches. Ihre

Anwesenheit alleine garantiert uns Schutz und Geborgenheit. Sie

vertreiben alle böse Geister nur dadurch, dass sie da sind.

 

     Es ist gut so. So soll es ewig bleiben. Wir möchten keine

Änderungen. Und keine Eile, keine Hektik. Die sichere Ordnung der

Welt  ist gewährleistet und wir können die Ruhe genießen.

Man könnte das Paradies nennen. Gelobt sollen sie sein -

die liebenswerten Ungeheuer.

 

 

      Meine Damen und Herren, das ist noch nicht alles. Im Flur kann

man einige Kurzfilme von Studenten der legendären polnischen

Filmhochschule in Lodz sehen. Die finde ich höchst interessant und

empfehlenswert. Ein Einblick in das alltägliche experimentieren von

Studenten dieser Schule ist eine nicht alltägliche Gelegenheit. Ich

lade Sie herzlich ein dieses anzuschauen.

 

 

     Es gibt keinen besseren Weg etwas Autorisiertes über die Arbeiten

zu erfahren als die Künstler direkt zu fragen. Alle drei sind hier. Alle

drei sind unter uns und das bedeutet auch, dass wir in der Überzahl

sind und sie umzingeln. Nutzen Sie die Gunst der Stunde. Fragen Sie

sie gnadenlos und unbarmherzig aus.  Sie haben keine  

Fluchtmöglichkeiten. Sie werden alle Ihre Fragen beantworten

müssen. Und sie werden das gerne tun. Ich bin sicher.

 

     Alle ausgestellten Exponate kann man käuflich erwerben. Wie Sie

wissen nehmen wir keine Provisionen, oder Gebühren und das kann

sich bekanntlich in Preisen widerspiegeln. Greifen sie zu.

Das ist auch eine Gelegenheit, die man nutzen soll. Nur zu!

Übrigens: einige Bücher von Wolfgang Zurborn kann man heute,

aber leider nur heute bei uns kaufen. Sie liegen hier auf dem Kamin.

 

     Ein Bisschen später spielt hier als musikalische Umrahmung der

heutiger Vernissage „Disguise – Avantgarde-Folk-Jazz-Quartett.

 

     Also nutzen Sie die Gelegenheiten, genießen Sie die Kunst, die

Musik und die Filme, fragen sie die Künstler aus, kaufen sie die

Kunstwerke und Bücher und das alles ohne Eile, denn das Ende der

Veranstaltung ist wie immer offen.

 

    

     Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki