Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE II/2011 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 6. Mai 2011

 

 

     Meine sehr verehrten Damen und Herren,

     liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

 

          nach den frühen Sommertagen ist endlich Frühling in Köln und wir

können schon ein Bisschen mit dem Wetter umgehen. Es ist Zeit sich in

Ruhe nach etwas Interessantem für den Geist umzusehen. Von wegen

„in der Ruhe“! Bei der Auswahl von Möglichkeiten heute in Köln ist es eine

reine Qual und unberechenbares Risiko für sich das richtige auszusuchen.

 

          Sie sind hierher gekommen und sich damit unbeirrt für die beste

Lösung entschieden. Das bezeugt eine hohe Intelligenz, Intuition und Risikobereitschaft. Risikobereitschaft weil Sie wissen, dass wir es einem

zeigen können. Und das ist auch keine leere Drohung. Wir würden nicht

zögern Ihnen es zu zeigen. Eine interessante Ausstellung mit Arbeiten

von zwei bemerkenswerten Künstlern werden wir Ihnen zeigen. Sie sind

hier richtig, meine Damen und Herren. Voller Freude, so ein fantastisches

Publikum vor sich zu haben, grüße ich Sie bei der Ausstellungseröffnung

im IGNIS wie immer herzlichst.

 

          Erlauben Sie mir bitte ein Paar Bemerkungen zu diesen Arbeiten

und ich verspreche Ihnen, mich, wie immer, kurz zu fassen.

 

          Links von Ihnen sehen wir Arbeiten von Wolfgang Bous und ihn

selbst sehen wir hier. Meine Damen und Herren: Wolfgang Bous!

Der Wolfgang Bous persönlich im IGNIS!

 

          Wolfgang Bous ist ein echter Kölner Künstler. Er wohnt und

arbeitet in dieser schönen Stadt. Vielleicht ist er deshalb auch sehr

konsequent in seiner künstlerischen Entwicklung. Er ging immer

weiter weg von der Malerei auf der Leinwand zu einer

Dreidimensionalität seiner Arbeiten, zu den Kunstgegenständen,

Kunstobjekten in denen Reliefs - und Malereieigenschaften

gleichberechtigt zusammenwirken. Darüber ist schon viel

geschrieben worden und die Fachleute analysieren alles minutiös.

Das ist gut und richtig. Sie sollen das weiter machen.

 

          Ich aber habe Ihnen versprochen… deshalb möchte ich nur auf

einen Aspekt der hier präsentierten Arbeiten hinweisen.

 

          Alle die kleinen Arbeiten, egal wie unterschiedlich sie noch sind,

gehören zu einer Serie. Sie ist in Jahren entstanden. Das erste Objekt

wurde am Tag der Geburt seiner Tochter gefertigt. Das war vor 13

Jahren. Weitere folgten. Alle sind ihr gewidmet – inzwischen über

150 kleinen Arbeiten.

 

          Als etwas für ein Kind gedacht, assoziiert man sie automatisch

mit den Kinderspielzeugen. Es ist auch zu spüren, dass das für den

Künstler eine Spielerei geworden ist. Man kann erahnen, welche

Freude ihm das Konstruieren von den kleinen Kunstwerken bereiten

haben musste… Gerade ihm.

 

          Es passiert oft, dass der beste und leidenschaftlichste Lokführer

der Modelleisenbahn von der ganzen Familie der Vater und nicht das

Kind ist. In diesem Fall gilt das anscheinend auch für Kunst für die

Kinder des Künstlers. Obwohl das durchaus eine erwachsene, reife

Kunst ist. Eine so große Ansammlung von Kunstwerken, die alle einer

einzigen Person gewidmet sind sieht man sehr selten. Und die

Ausstellung heute ist die Premiere.

 

          Für IGNIS hat sich Wolfgang Bous noch ein Spiel ausgedacht.

Die Formation, in welcher sich die Bilder präsentieren, folgt nicht

dem Zufallsprinzip, oder ästhetischen Erwägungen. Sie spiegelt Chaos,

oder besser gesagt die versteckte Ordnung eines Vogelschwarms wieder.

Nach dieser Vorlage wurde die Präsentation aufgebaut.

 

          Natürlich versucht er daraus keine Wissenschaft zu gaukeln. Wir

nehmen einen Vogelschwarm sowieso eher zweidimensional wahr, als eine

Fläche mit dunklen Punkten von Vögeln vor einem himmlischen Hintergrund.

So, wie wir sie auf den Fotos betrachten können. Erst beim Wenden ändert

sich das. Deshalb werden wir uns immer wundern, warum nicht jede

Sekunde dort eine Riesenkarambolage passiert, obwohl keine Freunde und

Helfer der Vögel zu identifizieren sind. Das ist kein strukturelles Modell des

Schwarmes, das ist nur für uns wahrnehmbare Anordnung der einzelnen

Punkte an der Fläche.

 

          In einem Schwarm wirkt der Schwarm als Schwarm, als Ganze,

als Masse von eigentlich gleichen Bestandteilen. Aber jeder Vogel ist doch

ein Lebewesen, ein eigenständiges Individuum. Einzeln betrachtet findet

man Eigenschaften, die ihn von allen anderen unterscheiden lassen.

 

          Und alle diese kleinen Bilder sind auch eigenständige, komplette

Kunstwerke, die man auch einzeln betrachten soll, obwohl sie in ihrem

Schwarm viele individuelle Eigenschaften zeitweilig an die Gemeinschaft

abgetreten haben. Machen Sie das.

 

 

          Rechst von Ihnen haben wir die Holzschnitte vom Roman Klonek

und ihn selbst haben wir auch hier. Meine Damen und Herren:

Roman Klonek in IGNIS! In der ganzen Lebensgröße unter uns!

 

          Roman Klonek wohnt und arbeitet momentan, also zurzeit in

Düsseldorf. Wir hegen natürlich keine Vorurteile. Dennoch sage ich gleich,

dass er in Kattowitz geboren wurde, also in einer Partnerstadt von Köln

seit 20 Jahren. Und das zählt.

 

          Holzschnitt ist eine der ältesten Techniken des wiederholbaren,

gezielten Spurenlegens überhaupt. Fast so alt, wie die Menschheit selbst

mit ihrem Bedürfnis nach Schönheit und Gestaltung.

 

          Wenn man einen Gegenstand mit Farbe überzieht und eine Fläche

so damit berührt, dass die Farbe eine Spur des Gegenstandes auf der

Fläche hinterlässt, hat man schon die Grundidee des Druckens verstanden.

Man bekommt ein wiederholbares Motiv, das im Grunde unverändert bleibt,

wenn man die Prozedur wiederholt.

 

          Ein Stempel, der bezeugt, beglaubigt, gibt den Rang erst. Alle, die

schon mit Ämtern zu tun gehabt haben, wissen doch, dass die menschliche

Existenz ohne Stempel nicht existent ist, undenkbar. Slawomir Mrozek hat

eine Erzählung geschrieben, in der eine Frau nach neunmonatiger

Schwangerschaft einen Personalausweis gebärt. Eine schöne und in die

Zukunft weisende Geschichte. Aber wir entfernen uns gefährlich von

dem Thema.

 

          Die ersten waren fertige Gegenstände, Hände, Füße und so weiter,

mit denen man die Abdrücke für magische, oder religiöse Zwecke

hinterlassen hat. Manchmal waren aber schon diese Stempel nicht

vollkommen und man hat angefangen sie selbst zu korrigieren und

zu gestallten. Und Holz war das beste Material dafür. Weich und fest

genug zugleich und immer verfügbar.

 

          Im Laufe der Zeit hat sich diese Technik in verschiedene Richtungen

entwickelt und eine wirklich enzyklopädische, verkürzte Geschichte des

Holzschnittes werde ich Ihnen jetzt… ersparen.

Nur eins:

          Holzschnitt ist sehr vielseitig, kann weich, hart sein, stufenlose oder überlappende Übergänge zwischen den Farben haben und so weiter…

und so weiter. Aber es bleiben immer welche, wenn auch kleine, Maser

oder andere vom Holz selbst eingegebene Strukturen, Spuren der

biologischen Herkunft des Druckstockes, also dieses Stempels. Früher

waren sie verpönt, heute immer öfter willkommen und gewollt um die

Materialität des Werkes zu unterstreichen. Holz ist, wie auch in den

Arbeiten von Wolfgang Bous, hier immer präsent, ist immer zu verspüren. Charakteristisch für Roman Klonek sind scharf getrennte Flächen von

verschiedenen Farben. Er arbeitet mit dem verlorenen Schnitt. Das ist eine

nicht sehr populäre Methode.

 

          Normalerweise bereitet man für ein Bild mehrere Druckstöcke vor,

für jede Farbe einen. Und man druckt sie nacheinander. Wenn zum

Beispiel eine Farbe nicht kräftig genug wurde, kann man den Fortgang

mit dem richtigen Druckstock wiederholen.

 

          Bei dem verlorenen Schnitt ist das anders. Erstens schneidet man

die Stellen heraus, die überhaupt nicht bedruckt werden sollen und mit

dem Rest druckt man die Farbe, die eine große Fläche bedecken soll.

 

          Wenn man schon die vorgenommene Zahl der Exemplare, also

Volle Auflage fertig hat, schneidet man die Stellen heraus, die nur die

gerade gedruckte Farbe aufweisen sollen. Auf den verbleibenden Rest

verteilt man die nächste Farbe und druckt wieder die Auflage. Und das

weiter und weiter, bis zur letzten Farbe. Die Druckfläche auf dem

Druckstock verändert sich, wird immer kleiner, man kann keinen Schritt

später wiederholen. Der Schnitt geht verloren, keine Korrekturen sind

mehr möglich. Eine mutige, faire, archaische und ehrwürdige Methode.

Nicht wahr?

 

          Und was macht er damit? Das ist doch nicht sein Ernst, was er

uns mit dieser noblen Bearbeitung zeigt, das kann nicht sein Ernst sein!

Es ist auch nicht. Er spielt, er jongliert mit verschiedensten Stilen der

Popkultur, vor allem mit der Ästhetik der Staaten des Ostblocks.

 

          Alle unter uns, die sich an sozialistische Zeiten in Ostblockländer

erinnern können, können dieses Klima in diesen Arbeiten erkennen.

Egal, ob das Illustrationen für Kinder, Kulturplakaten, Reklamen,

Zeichentrickfilme, Verpackungen oder politische Propaganda… alles

wurde dieser Ästhetik unterworfen.

 

          Die Ursprünge dieses Stils kann man bei der klassischen Avantgarde

in den wirren Jahren der Revolution und kurz danach suchen. Sehr kurz

danach. Denn später waren plötzlich alle Künstler in der Sowjetunion

überzeugte Vertreter des sozialistischen Realismus, oder nicht mehr am

Leben… In der zweiter Hälfte der fünfziger Jahren hat man sie wieder

entdeckt als Antidot, also Gegengift gegen den bisher verbindlichen

Sozrealismus. Das galt als modern, wage, frei… Und teilweise war es auch

so. Die berühmte polnische Plakatschule bis zu den sechziger Jahren

wurzelte auch irgendwie in diesem Denken.

 

          Und sehr wichtig: es war von oben gesegnete Stilistik. Immer

optimistisch, aufmunternd, lieb und oft süß. Nicht realistische, Darstellung

der Welt, sondern folklorisierende, schematische, oft geometrisierte und

märchenhafte Figuren und Gegenstände, keine Perspektive, keine

stufenlose Farbübergänge, scharfe Abgrenzungen zwischen einzelnen

Farbfeldern.

 

          Und noch eine wichtige Eigenschaft dieser Stilistik in ganzem

sozialistischem Lager, egal in welcher Baracke: Alles war matt. Vornehm

matt, ohne billigen Flitter. Es gab nichts was glänzte. Aber das war nicht

ideologisch bedingt. Es war die absolute Insuffizienz des Systems, der

nicht imstande war glänzende Papiere und Farben zu produzieren.

 

          Und von dieser Fülle von Mitteln nimmt sich Roman Klonek

eigenwillig und mit vollen Händen seine Spielzeuge heraus. Er berauscht sich

damit, könnte man vermuten. Und dann mischt er alles willkürlich, scheinbar

zufällig, miteinander. Und diese Formen, ihre sinngebenden Funktionen

beraubt, wirken lustig und erzeugen ein Lächeln. Er spielt damit vollkommen respektlos, er verspottet diese Poetik, parodiert sie hemmungslos und lacht

sie aus. Aber das macht er nicht ohne erkennbare nostalgische Sympathie.

Er spielt und er mag, vielleicht sogar liebt das, was er verspottet.

 

          Ich bin froh, meine Damen und Herren, dass wir heute zwei Künstler

zeigen können, die Holz bei ihren Arbeiten verwenden und (das freut mich

am meisten) zeigen, dass Kunst nicht immer traurig, ernsthaft und erhaben

sein muss. Sie beide spielen und haben Spaß daran.

 

          Die beiden Künstler sind heute anwesend. Sie sind unter uns und das

bedeutet auch, dass sie von uns umzingelt sind. Nutzen Sie die Gelegenheit –

fragen Sie sie! Fragen Sie sie gnadenlos und unbarmherzig aus. Alle

Fluchtwege sind abgeschnitten worden, sie haben keine Fluchtmöglichkeiten.

Sie werden Ihre Fragen beantworten müssen und sie werden das gerne tun.

Nur zu!

 

          Alle ausgestellten Exponate kann man käuflich erwerben. Wie Sie

Wissen, nehmen wir keine Gebühren oder Prozente und das kann sich

Bekanntlich in den Preisen widerspiegeln. Nehmen Sie auch diese

Gelegenheit wahr. Kaufen Sie sich Kunst, billiger wird es nicht mehr.

 

 

          Das ist aber noch nicht alles, was wir für Sie heute haben. Im Flur

läuft schon die Projektion von Filmen von Studenten der Fakultät für

Fernsehen und Rundfunk an der Schlesischen Universität in unserer

Partnerstadt Katowice. Alle nennen diese Fakultät „Filmhochschule

Kattowitz“, was sie auch in Wirklichkeit ist. Sie ist auch die größte,

ernsthafte Konkurrentin der berühmten Filmhochschule in Lodz.

Riskieren Sie einen Blick in die Zukunft des Kinos. Es lohnt sich.

 

          Und das ist immer noch nicht alles für Sie heute. Einige Zeit später

spielt hier als Umrahmung der heutigen Vernissage „HopStop banda“ ein

Konzert für Sie.

 

          Also nutzen Sie die alle Gelegenheiten! Genießen Sie die Kunst,

Musik und die Filme, befragen Sie die Künstler, kaufen Sie sich Kunst.

Mit einem Wort - amüsieren Sie sich prächtig so lange Sie wollen, denn

das Ende der Veranstaltung ist, wie immer, offen.

 

          Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki