Ausstellungseröffnung
"COINCIDENCE I/2012 - Zusammentreffen in Köln"

 

 

Einleitende Worte am 2. März 2012

 

 

       Meine sehr verehrten Damen und Herren,

       liebe Freunde des IGNIS und der Kunst,

 

 

       Natürlich passiert sehr, sehr viel auf ein Mal im Köln, wie immer.

Man kann leider nicht gleichzeitig an verschiedenen Orten sein um

nichts wichtiges und interessantes zu verpassen. Man muss wählen.

Sie haben gewählt und jetzt haben sie den Salat – Sie sind hier und

verpassen unwiderruflich heute irgendetwas. Hundertprozentig.

 

    Ist das nicht traurig?  Nein, meine Damen und Herren! – Überhaupt

nicht! Sie haben sich für das beste entschieden. Ihre bewährten Nasen

haben das gewittert. Sie werden Ihre Entscheidung nicht bedauern.

Die, die sich anders entschieden haben, werden Sie beneiden müssen.

Ich bewundere Ihre Riechorgane, die so sicher die beste Rosine aus

dem Kuchen aufspüren können.

 

     Ich gratuliere Ihnen und freue mich sehr Sie heute bei der ersten

Ausstellung aus der Reihe Coincidence in diesem Jahr begrüßen zu

dürfen. Ich grüße Sie, wie immer, herzlichst!

 

     Wir haben heute für Sie eine interessante Ausstellung vorbereitet

mit Arbeiten von zwei bemerkenswerten Künstler. Erlauben Sie mir

bitte ein Paar Bemerkungen zu diesen Arbeiten und ich werde mich

wie immer kurz fassen. Versprochen.

 

 

    Links von Ihnen sehen wir Arbeiten vom Grigory Berstein und

ihn selbst sehen wir hier. Meine Damen und Herren, Grigory Berstein

im IGNIS, heute bei uns, höchstpersönlich. Grigory Berstein!

 

    Grigory Berstein ist sehr vielseitig und betätigt sich auf vielen

Feldern der bildenden Kunst. Natürlich haben wir keine Chance seine

umfangreiche Vielfältigkeit irgendwie annähernd zu umfassen und

haben uns entschlossen,  Ihnen  diese Arbeiten zu zeigen.

 

     Diese Wand, diese Installation, in der alle Exponate so dicht an

dicht nebeneinander hängen… wie in einer Gemäldegalerie in einem

römischen, barocken Palast, oder in einer Großindustrieller Villa des

XIX. Jahrhunderts…

 

     Diese Wand ist eine persönliche Stellungnahme des Künstlers zu

dem Streitthema, was ist eigentlich Kunst, was ist ein von einem

Künstler geschaffenes Werk?  Diskussion über Grenzen der Kunst

gab es schon seit Ewigkeit, aber richtig entbrannte sie seit dem Jahr

1913, als Marcel Duchamp  angefangen hat die industriell

hergestellte Gebrauchsgegenstände als Kunst zu präsentieren. Er

stellte das Fahrradrad aus, Flaschenständer, oder, die größte

Provokation: Pissoir. Seit dem kennen wir „ready made“, echte,

fertige Gegenstände.

 

     Echte Wirklichkeit, echte Gegenstände thronen eingerahmt über

den eindeutig geringer geschätzten, flachen Darstellungen der

Wirklichkeit.

     In dieser Installation ist alles gründlich durchdacht. Keine

Nachbarschaft von Exponaten ist hier zufällig. Auch die Abstände

zwischen ihnen. Alle Anspielungen und Assoziationen wurden vorher

intellektuell sorgfältig bearbeitet, obwohl das Ganze auch nicht ganz

tierisch ernst gemeint ist.

     Erst danach folgte die Ausführung des Projektes.

 

     Man kann darüber sehr viel erzählen und diskutieren, aber ich habe

Ihnen versprochen mich kurz zu fassen. Deshalb schlage ich vor, dass

Sie sich selbst auf die Suche nach getarnten und offensichtlichen

Zusammenhängen begeben. Solche Suche lohnt sich – macht Spaß.

 

     Die andere Wand kann man „Die Wand der zwei Pauls“ nennen.

Oder ein Mausoleum für zwei „Pauls“ -  Kollegen von Grigory

Berstein. Das Mausoleum zeigt in der großen Form den Paul Klee, in

der kleinen den großen Paul Cezanne.

 

     Wie Sie sehen, bewegt sich Grigory Berstein weiter in der Welt

der Kultur, der Kunst, ihrer Geschichte und Theorien. Auch hier

stecken viele intellektuelle Inhalte. Und es lohnt sich auch hier

genauer hinzuschauen und für sich Anregungen zu finden.

Ich habe Ihnen versprochen…   Ich weiß.

 

     Aber warum wir Ihnen diese zwei so unterschiedliche Sachen

zusammen zeigen wollen?  Nur die Tatsache, dass sie beide das

Kunstgeschehen thematisieren, dass sie sich nicht in der realen Welt,

sondern in der Kultur, also unseren kollektiven  Wahrnehmungen und

Interpretationen abspielen?

 

     Natürlich, Sie vermuten richtig – es wäre zu wenig. Der Begriff

„Kultur“ ist zu geräumig, da passt fast alles rein. Nein, diese beide

Welten bezeugen dem Künstler eine Lust zum jonglieren mit dem

Zweidimensionierten und Dreidimensionierten. Er pendelt über diese

Grenze hin und her. Die dreidimensionalen Gegenstände ironisch

gegen den flachen Zeichnungen gegenübergestellt bilden eine

ziemlich eigenartige, seltenere Zwischenform  zwischen Zeichnung

und Skulptur. Und bei einem Künstler, der die Tradition schätzt und

sich ihr verpflichtet fühlt, würde man eher ein Relief erwarten.

Das Relief, das ist die Zwischenform zwischen Skulptur und Malerei,

oder Zeichnung. 

 

     Und bei den beiden  „Pauls“ geht es noch weiter ungewöhnlich.

Die beiden Arbeiten sind gleichzeitig drei- und zweidimensional.

Alles zeichnerische, oder malerische, was sich hier abspielt ist auf

einer Scheibe, einer Fläche gemalt. Bei dem Porträt von Paul

Cezanne ist das Bild, etwas eindeutig flaches, von anderen,

nicht bemalten Glasscheiben umgeben. Die Scheiben sind

durchsichtig, aber real. Man sieht ihre Sprünge, man spürt Ihre

Gewichte. Es ist ein dreidimensionaler Gegenstand.

 

     Und bei dem Paul Klee sind es drei bemalten, absolut flachen

Plexiglasscheiben, hintereinander postiert, dazwischen etwas

dreidimensionales, vermutlich etwas technisches, eine Maschinerie…

Aber erst alle die Teile zusammen bilden eine komplette Arbeit –

wieder einen Gegenstand.  

 

 

 

    

      Rechts von Ihnen haben wir die Arbeiten von Achim Kirsch. Und

Ihn selbst haben wir auch hier. Meine Damen und Herren: Achim

Kirsch! Der einzig echte Achim Kirsch in voller Größe.

Achim Kirsch!

 

     Achim Kirsch arbeitet ganz anders als sein vis-a-vis. Er grübelt

nicht über Kunstgeschichte oder die Richtigkeit der Trends. In seinen

Arbeiten spielen die bis in Detail durchdachten Konzeptionen keine

überwiegende Rolle. Es gibt natürlich eine wage Grundkonzeption,

eine Anfangsvorstellung  von dem, was er vorhat, aber eben nur grob.

Wenn er anfängt, weißt er nicht, wo er landen wird.

     Der Schöpfungsprozess beginnt richtig erst mit dem Anfang der

Ausführung.

 

     Das heißt nicht, das Grigory Berstein alles voraussehen kann,

bevor er die Arbeit zu verwirklichen anfängt - das ist gar nicht

möglich. Das Abenteuer erleben die beiden, aber die Akzente sind

anders gesetzt. Grigory Berstein will  am Ende der Reise einen ganz

bestimmten Hafen anlaufen, Achim Kirsch hat nur von einem Ufer

in Übersee gedacht, bevor er in See stach.

 

     Er lässt sich treiben, er lässt sich überraschen, er verlässt sich auf

seine Intuition, aber auch fremde Einflüsse und Zufall nimmt er gerne

in Kauf. Fast alles kann passieren, alles kann eine unvorhersehbare

Wende nehmen. Er reagiert weitgehend spontan auf das, was gerade

geschieht. Bei ihm ist alles „im werden“.

 

     Viele seine Bilder anmuten  biologische, sogar zelluläre

Strukturen, wirken wie eine Momentaufnahme von einem

beobachteten biologischen Prozess.  

     Prozess, das ist das Schüsselwort bei ihm.    

 

     Er arbeitet auf einer Fläche und im Raum genauso gern  und

vermischt diese Ebenen nicht. Trotzdem überquert er ständig eine

Grenze der Dimensionen.  Er begibt sich in die so genannte vierte

Dimension, in die Zeit. Er thematisiert die Zeit.

 

 

     Auf dem Weg hierher haben Sie sicher eine seltsame

Holzkonstruktion im Garten vor dem Haus gesehen. Diese          

Skulptur aus der Serie „Telefonzellen für die Raben“ ist auf dieser

Stelle vor ein Paar Tagen entstanden. Das war ein Prozess des

Bauens, den man fotografisch festgehalten hat.

 

     Es ist daraus ein kurzer Animationsfilm entstanden, den man in der

 Skulptur selbst sehen kann. Andere solche Filme kann man heute

während der Projektion im Flur bewundern.

Die Konstruktion ist aber nicht nur ein Fimrequisit, die steht als

vollberechtigte, selbstständige Skulptur im Garten. (Die Bilder hier,

übrigens haben auch in seinen Filmen gespielt.)

 

     Man kann im Film sehen, dass sich die Skulptur im Garten dreht

und windet und wächst von unten in die Höhe, wie eine Pflanze die

vom ersten Spross aus der Erde sich entwickelt, bis sie zum Schluss

ihre volle Pracht entfaltet.

Das ist kein Zufall, diese Ähnlichkeit wurde beabsichtigt. Denn sein

Thema ist die Zeit und sein Vorbild ist die Natur. Das Leben ist

Änderung, Bewegung. Bio ist nur in der Zeit möglich. Man kann

sagen, dass er ein echter Biokünstler ist.   

 

      Seine Experimentierungsfreude und Abenteuerlust, die innere

Impulse, an die er hört, lassen seine Kunst vor allem mit Emotionen

zu begegnen. Erlauben Sie diesen Arbeiten an Sie wirken, lassen Sie

 

sich von ihnen treiben. Das ist der beste Weg sie zu erleben. Sehen

Sie sich dazu auch die anderen Filme vom Achim Kirsch.

      Natürlich kann man noch viel darüber sagen, aber ich habe Ihnen

versprochen… Also nur Eins:

 

    Es freut mich sehr, dass ich heute Ihnen zwei so unterschiedliche

Grenzgänger präsentieren kann.

 

     Meine Damen und Herren! Alle ausgestellten Exponate kann man

käuflich erwerben. Wie Sie wissen, das ganze Geld aus dem Verkauf

geht direkt an die Künstler und das kann sich im Preis widerspiegeln.

Also zögern Sie nicht, greifen Sie einfach zu!

 

      Die beiden Künstler sind unter uns. Mitten unter uns.  Das heißt

auch, das sie von uns belagert, umzingelt sind. Also nehmen Sie auch

diese Gelegenheit wahr, fragen Sie sie erbarmungslos, unbarmherzig

aus.

     Sie können sich nicht verstecken und alle Fluchtwege sind unter

unserer Kontrolle blockiert. Sie haben keinen Ausweg. Sie werden

alle Ihre Fragen beantworten müssen und sie werden das gerne tun.

 

     Aber das ist noch nicht alles, was wir für Sie heute haben. Ein

Bisschen später erwartet Sie hier die Musik. Als Umrahmung der

heutigen Vernissage spielt HopStop Banda ein Konzert.

 

     Also genießen Sie die Kunst und die Musik, schauen Sie sich die

Filme an, kaufen Sie sich die Werke, gehen Sie furchtlos mit allen

Ihren Fragen und Bemerkungen an die Künstler… Mit einem Wort:

Amüsieren Sie sich prächtig und ohne Eile, denn das Ende der

Veranstaltung ist, wie immer offen.

 

 

            Ich wünsche Ihnen einen gelungenen Abend und ich danke Ihnen.

          

 

 

                                                                    Janusz Pac-Pomarnacki