Reinhard Doubrawa
Neusser Straße 8
50670 Köln
fon/fax 0221/972 53 30

Biografie:
1963 geboren in Treysa
1983 Abitur
1986-88 Goldschmiedeschule Pforzheim
1988-90 Gesellenprüfung, Arbeit als Goldschmied
1990-95 Studium "Kunst" an der Kunsthochschule Kassel
1994 Meisterschüler bei Urs Lüthi
1994-95 Gastdozent für Zeichnen,
am Fachbereich Architektur der Universität Gesamthochschule Kassel
1995-98 Lehraufträge an der Universität Gesamthochschule Kassel, Fachbereiche Architektur und Produkt-Design

Stipendium/Preise:
1994 Stipendiat der Otto-Braun-Stiftung
1994 "Spurensicherung", Kunsthochschulpreis, Kassel
1995 Förderung durch "Kasseler Kunstpreis Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung"
1996 Kunstpreis der Stadt Mainz (2. Preis)

Ausstellungen/Beteiligungen:
1993 European Culture Unlimited, Nijmegen
"Kunst und Bauen", K 10, Kassel
1994 "Die Frankfurter Straße", Kassel
Raum Für Aktuelle Kunst, Kassel (E)
Produzentengalerie Kassel
1995 Ministerium Für Wissenschaft und Kunst, Wiesbaden
Galerie Brötzinger Art, Pforzheim
Galerie Karin Melchior, Kassel
"Kunsteintrag", Göttingen/Reinhausen
"Meisterschüler 1995", Neue Galerie, Kassel
1996 "Zu Gast in Wandsbek", Hamburg
"Transparenzen", ProduzentengaIerie KasseI
"Vier Wände", Plateau, Center for Performing Arts,
Brüssel (E)
"Intersection", Open Space Gallery, Reading (England)
"Kunstpreis der Stadt Mainz", Kunstverein Mainz
Galerie Schickler, Nürnberg
1997 Margareth Harvey Gallery, St. Albans, London
"BAF", Galerie + Edition Klöckner, Düsseldorf
"Para-Site", Gulden Vlies Galerijen, Brüssel
"Orbis Pictus", Galerie Schickler, Nürnberg (E)
"Sommergäste", Galerie Claudia Böer, Hannover
Lindinger + Schmid, Regensburg
"I never promised you a rosegarden", Galerie Thieme + Pohl, Darmstadt
"Artvent", Galerie Lutz Fiebig, Berlin

Foto Doubrawa



Vom Umgang mit den Dingen oder

Da war doch was?

Wann haben Sie zuletzt Ihren Fernsehsessel betrachtet? Der winzige Kratzer auf der rechten Armlehne, kaum zu sehen ­ können Sie sich noch daran erinnern, wie er entstand? Haben Sie schon einmal einen ganzen Abend ­ der sogar sehr unterhaltsam war! ­ mit jemandem verbracht, wissen aber nicht, welche Form ihre oder seine Hände hatten? Ist es Ihnen schon einmal passiert, daß Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin aufmerksam betrachtet haben ­ und feststellen mußten, daß Sie dies offenbar schon lange nicht mehr getan haben ­ denn er oder sie wirkte verändert, anders als auf dem Bild Ihrer Erinnerung?

Reizüberflutung ist ein Schlagwort unserer Zeit. Sicherlich ist es auch ein Problem, mit dem wir alle zu kämpfen haben ­ falls es uns überhaupt auffällt, wie oberflächlich wir die Dinge und Menschen unserer Umwelt meist wahrnehmen. Auf diesen Umstand weisen die Arbeiten Reinhard Doubrawas hin: Sie möchten sensibilisieren für eine bewußtere Wahrnehmung unserer Umwelt. Die freie Kunst jedoch folgt in der Vita Reinhard Doubrawas einer mehr angewandten: 1989 schloß er in Pforzheim seine Ausbildung als Goldschmied mit der Gesellenprüfung ab und war daraufhin noch ein weiteres Jahr in diesem Beruf tätig. Zu Beginn seines Studiums, das er 1990 an der Kunsthochschule in Kassel begann, wollte er sich zunächst von der sehr disziplinierten, kleinteiligen Zeichnung des Goldschmiedes lösen. So galten die Anfänge des Studiums dem spontanen Umgang mit der Farbe und dem freien Entstehen der Formen, der gestischen Malerei und dem Action-Painting.

Heute zeigen sich die Arbeiten Reinhard Doubrawas jedoch wieder prägnant ausformuliert: "Kunst muß präzise, gut und radikal sein, weil sie sonst bei niemandem Eindrücke hinterläßt", so des Künstlers Auffassung. Durchaus ein Künstler mit klaren Konzepten, deren Impulse er sozusagen auf der Straße findet, legt er besonderen Wert auf einen hohen sinnlichen Reiz bei ihrer Repräsentation. Dabei ist Reinhard Doubrawa neben seiner Liebe zur Präzision auch ein gewisser Perfektionismus nicht fremd. Dies mag an den meist fragilen Materialien liegen, die er bevorzugt verwendet: Hauchdünnes Japanpapier, brüchiges Wachs, zarte Stoffe, Glas.

Schon während seines Studiums ­ das er 1995 als Meisterschüler Prof. Urs Lüthis abschloß ­ war Reinhard Doubrawa durch einige Ausstellungen in Kassel präsent. Das eindrucksvollste Projekt dieser Zeit dürfte jene Installation im "Raum für Aktuelle Kunst" in den Ruinen der Garnisonskirche gewesen sein: Der tonnenförmige Raum wurde von einer Art transparentem Paravent, hinter dem sich die einzige Lichtquelle des Raumes befand, geteilt. Dieser Paravent bestand aus einem Stahlrahmen, der den Formen des Raumes genau angepaßt war, und war mit feingesponnenem, weißem Stoff bespannt. Das Licht drang nur diffus durch diesen Stoff ­ doch drei schemenhafte menschliche Figuren ließen es ungebrochen hindurch: Diese Figuren waren mit Klarlack auf den Stoff aufgetragen worden, wodurch sie nahezu durchsichtig wirkten. Hierdurch leuchteten sie von innen heraus, während sie auf der matt erhellten Fläche schwebten und sich im Flug behutsam anzunähern schienen. Ein poetischer, fast traumhafter Eindruck.

Eine behutsame Annäherung und bewußte Zuwendung durch den Betrachter verlangen auch die "Körperabdrücke auf Glas": Spuren die ein menschlicher Körper auf Glas hinterlassen hatte, wurden mit Gipsstaub gesichert. Diese Spuren ­ lediglich durch den feinen weißen Staub sichtbar gemacht ­ geben zwar ein menschliches Abbild wieder, sie sind jedoch von geringer Prägnanz und von einer erschwerten Lesbarkeit. Auf diese Weise tritt eine Ambivalenz des Vorhandenseins und Nichtvorhandenseins zutage der Betrachter muß sich um sie bemühen, muß immer wieder seinen Standpunkt ändern und immer wieder genauer hinsehen, um den Körperabdruck, den Menschen wahrnehmen zu können. Diese Entkörperlichung wird besonders deutlich in jenen aus Japanpapier geformten Früchten: Ein aus Wachs nachgeformter Apfel wird mit hauchdünnem Japanpapier umlegt, das Wachs danach herausgeschmolzen. Was von der ehemals massiven Form erhalten bleibt, ist eine fragile Schale, bei der geringer Kraftaufwand zur Deformation führen würde. Das alltägliche Ding "Apfel" wurde zu einer ästhetisierten Form, die keine Unachtsamkeit des Umgangs verträgt und sich durch die dem Betrachter abverlangte Vorsicht wieder auf seine Sinne auswirkt: Die Form des Apfels ­ die man im Alltag unbeachtet läßt, da sie bekannt ist ­ kann durch diesen zarten Platzhalter wieder neu erfahren werden, es kann wieder ein bewußter Umgang entstehen.

Doch ist es ja auch durchaus so, daß nicht nur wir ­ mehr oder weniger bewußt ­ auf die Dinge unseres täglichen Umgangs einwirken, sondern wir selbst werden von ihnen bestimmt: Wer in seinem Fernsehsessel sitzt (und mit dem Finger über den winzigen Kratzer auf der rechten Armlehne fährt), fühlt sich behaglich, da er ausspannen kann ­ oder gelangweilt; je nach Charakter oder persönlicher Erfahrung. Der Anblick des Sessels allein kann oftmals diese Stimmung wieder hervorrufen; er fungiert je nach Betrachter als individuelles Zeichen für Behaglichkeit oder Langeweile.

Dieses Einwirken der Dinge auf uns selbst verdeutlichte Reinhard Doubrawa durch eine beeindruckende Installation die 1996 in Brüssel zu sehen war. Im "Plateau", einem Kunstverein In Brüssel konnte sich der Besucher in einem Raum befinden, der durch vier großformatige Stoffbahnen (3m x 5m) abgegrenzt war. Wie schon bei den schemenhaften Figuren in der Garnisonskirche wurden auf diese Stoffe mit Klarlack transparente Bilder aufgetragen, die dem Besucher im inneren als Lichtzeichen erschienen: hier sind es Dinge des alltäglichen Lebens, die auf ihre typischen Gestaltungslinien reduziert wurden. Auf jeder der Bahnen befinden sich drei typische Gegenstände des menschlichen Wohnraums ­ so zum Beispiel ein Sessel, ein Glas und ein Fernseher stellvertretend für "Das Wohnzimmer". Diese Piktogramme sind alle auf die gleiche Größe (1,50 m) gezogen; sie hängen außerdem so hoch, daß sie den Betrachter ­ der sich in ihrer Mitte befindet ­ überragen. Der Betrachter sieht demnach zu diesen ­ meist als banal bezeichneten ­ Dingen auf, er ist von ihnen umgeben: "Er befindet sich in einem Wohn­Allover." Durch die Zeichenhaftigkeit dieser Dinge können auch die durch sie hervorgerufenen individuellen Stimmungen wieder bewußt werden. Hierbei tritt auch ein anderer Effekt zutage: Die auf ihr typisches Erscheinungsbild vereinfachten Gegenstände treten in einer Art allgemein gebräuchlichen Form auf: der typische Sessel, der typische Herd. Diese Piktogramme werden aber mit den unterschiedlichsten, da individuellen Inhalten gefüllt, so Reinhard Doubrawa. Als Zeichen funktionieren sie eher wie Gedächtnisbilder, die mit individuellen Assoziationen verbunden werden, so daß derselbe Gegenstand ­ je nach persönlicher Erinnerung ­ beim einen Glück, beim anderen Widerwillen hervorrufen kann. Auch dies möchte Reinhard Doubrawa mit seinen Arbeiten erreichen: Das die Subjektivität jedes Standpunktes, jeder Sichtweise wahrgenommen und akzeptiert wird ­ "...denn nur so kann man Toleranz erreichen."

In seinen Arbeiten löst Reinhard Doubrawa demnach den Alltag in fragile Formen auf; in eine Art entmaterialisierter Platzhalter. Durch Doubrawas Irritieren der (Über­)Sehgewohnheit, die auch eine Überhöhung banalster Dinge mit sich führt, sieht sich der Betrachter hier mit einer von seiner Gewohnheit vollständig unterschiedlichen Erscheinung der Dinge konfrontiert; er muß seinen Umgang mit ihnen überdenken oder sich um ihr visuelles Dasein erst bemühen, seine Wahrnehmung schärfen und seinen Blick konzentrieren. Doch erneuert Reinhard Doubrawa durch seine Arbeiten nicht nur ein bewußteres Wahrnehmen, er ruft auch den Wert der Dinge, ihre persönliche Bedeutung wieder in Erinnerung. Und so streift man durch seine Wohnung, sieht Dinge aus dem Augenwinkel und denkt sich plötzlich: Da war doch was?

Regina Bärthel zur Arbeit von Reinhard Doubrawa

 

 
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