Anna Beata Bohdziewicz
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Bohdziewicz Foto
Widder   von Geburt und Charakter. Etwas zurechtgeschliffen von den Schwestern der Unbefleckten Empfängnis in Szymanów, absolviert sie ein Ethnographie-Studium und schreibt über die "Kultur des Elends". In der Konsequenz bricht sie zu einer Expedition nach Afghanistan, Indien und Nepal auf, was sich in der ersten Ausstellung "Chorasan" niederschlägt. Durch die Familientradition* zum Film geraten, v ersündigt sie sich als erstes mit Walerian Borowczyk ("Geschichte einer Sünde"), danach mit Krzysztof Kieslowski, Filip Bajon, Andrzej Trzos-Rastawiecki und Krzysztof Zanussi. Legt, als Buße, nach eigener Vorstellung eine professionelle Kartei von 2500 polnischen Schauspielern an. Befreit von der Filmsünde, macht sie, berauscht vom Fotografieren und von der Freiheit der "Solidarnosc"-Zeit, viele Reportagen aus dem Zentrum des Geschehens. Als sie genug hat von dem Getöse, zieht sie sich zurück in die Warschauer Hinterhöfe und legt eine Dokumentation zu den "Warschauer Bildstöcken" an. Nach überwundener Lähmung durch die ersten Monate des Kriegszustands beginnt sie mit der in der Geschichte längsten fotografischen Epopäe "Fototagebuch oder das Lied vom Ende der Welt". Während des Kriegszustands nimmt sie Teil am kulturellen Leben des Untergrunds, es kommt vor, daß sie Papierballen für den Druck verbotener Bücher über Zäune schmuggelt, oder die Druckplatte von "Tygodnik Mazowsze" belichtet. Das "Fototagebuch" stellt sie häufig im Ausland und in Polen aus, wo es unablässig verstümmelt wird von den exzellenten und unnachgiebigen Mitarbeitern des GUKPiW, mit andern Worten, der Zensur. Sie arbeitet mit zahlreichen Zeitschriften zusammen, immer als Freischaffende, und übernimmt zuweilen die undankbare Rolle des Kritikers bei fotografischen Ausstellungen und Publikationen. Hin und wieder ist sie auch Kurator fremder Ausstellungen. Generell in Liebe entbrannt zu den Städten, hat sie zwei von ihnen, Warschau und Berlin, in jüngster Zeit "beschrieben" in einer Reihe von "Antipostkarten".

Angeborener Widerspruchsgeist und ein unbestreitbar etwas verzerrter Blick auf die Wirklichkeit verführen sie dazu, sich auch mit Werbung zu befassen, was bereits erste Effekte in Gestalt von "Antiwerbe" - Fotos zeitigt. Starrköpfig, allem zum Trotz, macht sie ständig kleine Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Mit Mühe übt sie die Funktion einer Vorsitzenden des Künstlerischen Rats und des Vizepräsidenten des Polnischen Fotografenverbandes aus. Sie wohnt in Warschau, in einem kleinen professoralen Gäßchen. Eine Mama, die alles vergißt, ein überarbeiteter Ehemann, vier geliebte, wenngleich unausstehliche Kinder und der immer dicker werdende und immer lauter schnurrende Kater Pimpa versuchen sie beharrlich von ihrer künstlerischen Arbeit abzuhalten.

Anna Beata Bohdziewicz

* Vater: Antoni Bohdziewicz (1906-1970), Film- und Radioregisseur.

"Anna Beata Bohdziewicz benennt ihre Reihe auf das Treffendste: Antipostkarten. es entspricht dem Reporter-Temperament von Bohdziewicz, die seit Jahren ein Fototagebuch führt, daß sie sowohl auf den Berliner wie auf den Warschauer Fotografien die Farbe der Zeit einfängt. Sie fördert gewisse Merkmale unserer Gegenwart zutage, die für die typische Postkarte in keiner Weise interessant wären. Die klassische Postkarte an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, jene, die für allezeit für den Begriff selbst steht, war die beliebte und bewunderte Überbringerin von Gefühlen, von Schönheit und Wahrheit in deren allgemein akzeptierter Form. Sie sollte geeignet sein für die Vervielfältigung in Tausenden und Abertausenden von Exemplaren, ohne irgendwem überflüssigerweise allzu tiefe Empfindungen oder gar Gedanken abzuverlangen. Heute hat die Postkarte an Bedeutung verloren, sie hat uns jedoch nicht verlassen. Sie bleibt, beinahe unbemerkt, Bewohnerin unserer Ikonosphäre.

Ganz anders das Postkarten-Bild von Bohdziewicz- es zwingt zum Schauen, überrascht und frappiert. Stets weit entfernt von seichter Schönheit, zeigt es eine Art unterirdische Strömung im Verständnis der Stadt und ihrer mannigfaltigen Räume, ihrer nicht eindeutigen Zeit. Wie wohl diese Bilder statisch wirken und es auf ihnen zudem keine Menschen gibt, finden wir uns doch unverhofft in einer Zone dauernden Geschehens- des Aufbaus wie des Zerfalls, des Alterns und der Verjüngung. Es ist dies eine durch und durch antitouristische Sicht. Nicht Anerkanntes als groß, schön, ewig wahrzunehmen, sondern scheinbar Unbedeutendes im Lichte des Augenblicks, zu bewirken, daß- in gegenseitiger Spiegelung- ein Bruchteil von Heutigem trifft. Allem zum Trotz hat es den Anschein, als wäre gerade der offene, oftmals ungeordnete Raum die Kehrseite der Stadt, ihre verborgene Dimension, was auf den Berlin- Fotografien bestens zusehen ist. dabei gibt es keinen Zweifel- es ist der Raum der Neuzeit, in den Bergen von Gegenständen im Vordergrund erkennen wir die fragile Geschichte dieser Neuzeit. Und zugleich zeigt sich uns, von ferne, die nur ein wenig logischere Ordnung der Architektur. der Anblick entfernter, gleichsam mitten im Schritt, in zentrifugaler Bewegung erstarrter Häuser läßt den Verdacht aufkommen, die Stadt verlasse sich selbst. Manchmal haben wir den Eindruck, als bewegten wir uns auf den Spuren der neuesten Geschichte, Ruinen- nach dem Maß der Menschheit-frische, weil erst dem letzten Weltkrieg entstammende oder gar erst danach entstandene.

Die erhaltenen und hier fotografierten Ruinen von Warschau, das sind Überreste kleiner, gewöhnlicher Wohnungen, bescheidener Flächen, auf denen plötzlich, riesenhaft, das Gebäude einer Bank aufragt, sich Fußbodenstücke des Rathauses aus der Vorkriegszeit zeigen. Aus den Bruchstücken von Berlin, den Figuren im Olympiastadion der Dreißiger Jahre, den wie zu großen, unvollendeten, gleichsam unpointierten Flächen, tritt uns jedoch der Geist des Monumentalismus, ein Phantom von Stadt und zugleich die erniedrigte Stadt entgegen. Als sei dieser Raum noch nicht imstande, sich über der eigenen Geschichte zu schließen. es scheint, als spiegele sich in dem hohen Himmel über uns, in Plätzen und selbst in den großen Pfützen Berlins etwas oder Jemand- vielleicht der Genius der Gräber, welcher Volney in Palmira erschien, um ihm die Ruinen als Spuren einer gestürzten Tyrannei zu zeigen. Die Geschichte, die große Geschichte, ist- wie im übrigen stets bei Bohdziewicz - immer anwesend, ob die Künstlerin nun deren Hauptweg verfolgt oder sich abseits davon bewegt. Wenn sie einmal den Hauptweg betritt, ist es noch nicht gesagt, ob sie Dinge erblickt, die anderen als die wichtigsten gelten. Zum Beispiel nimmt sie- die Fotografin geschichtlicher Ereignisse- auch seltsam private Demonstrationen auf- jemanden, im, "post-Mauer Raum" Meditiert, oder eine bekannte, von Kopf bis Fuß mit Plakaten beklebte, häufig an öffentlichen Plätzen und zu offiziellen Gelegenheiten privat demonstrierende Warschauer Gestalt. Es ist nicht vorauszusehen, welche Wirkungen das Interesse von Bohdziewicz für Denkmäler zeitigen wird. Das Denkmal an sich gehört ja zu den wichtigen Helden der Klassischen Postkarte. Aber nicht eines in derart "peinlichen" Situationen, in denen es Bohdziewicz überrascht. Sie fotografiert ja die Figur von Sigismund III Waza von der Säule- das Symbol des alten Warschau - in Hosenträgern, die ihr für den Transport während der Restauration angelegt wurden- und sicherlich ist dies eine der besten aufnahmen von Warschau . Sie ertappte auch die Warschauer Nike, wie sie ohne Sockel, über den Platz vor dem eben rekonstruierten Rathaus von Warschau eilt. Eine ähnliche Sicht ist auf dem Foto des in dem bekannten Happening von Christo verpackten Berliner Reichstag zu erkennen. Es sieht so aus, als verstünde Anna Beata Bohdziewicz jenen geheimnisvollen Moment zu erhaschen, da das Bild des täglichen Lebens Geschichte ausdrückt. Mehr noch, sie versteht es, ihm Form zu geben und dabei stets den eigenen Stil zu wahren."

Malgorzata Baranowska





EINZELAUSSTELLUNGEN
1974 - "Pierwsza wystawa", Warszawa, Atelier Prof. Zofia Demkowska
1978 - Warszawa;
1980 - Lódz;
1983 - Kraków;
1984 - Kraków, Poznan;
1985 - West-Berlin, Bielsko Biala;
1986 - Lublin;
1987 - Lódz, Boston, New York, Kraków;
1988 - Portland, Salzburg;
1989 - Rhode Island, Ost-Berlin;
1990 - "10 Jahre von Solidarnosc in Polen"
             (eine im Auftrag des Innenministeriums gemachte Ausstellung
             anläßlich des 10. Jahrestages der Ereignisse in August 1980,
             die über 60 Länder in der ganzen Welt gezeigt worden ist);
1991 - Wolów, Koszalin, Radom;
1994 - Berlin;
1995 - Warszawa, Lódz;
1996 - Bielsko Biala;
1998 - Warszawa, Suwalki.

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
1983 - Kraków; 1985 - Ursus - Budapeszt;
1987 - Boston, New York, San Francisco;
1988 - Portland, Chicago, München, Glasgow;
1989 - Lódz, West-Berlin, Koszalin, Sao Paulo;
1990 - München;
1997 - Sarajewo, Lubljana, Kraków, Halle.

ARBEITEN IN ÖFFENTLICHEN SAMMLUNGEN
Muzeum Narodowe, Wroclaw
Biblioteka Narodowa, Warszawa;
Muzeum Sztuki, Lódz
Musée de lŽElysée, Lausanne
Haus am Checkpoint Charlie, Berlin



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